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Medikamente absetzen

Patienten hätten meist nichts dagegen

Wird mit zunehmendem Alter die Medikationsliste lang und länger, stehen oft auch Arzneistoffe darauf, die nicht oder nicht mehr notwendig sind. Ärzte zögern mitunter, diese abzusetzen, weil sie Protest seitens des Patienten fürchten. Diese Furcht ist jedoch unbegründet.
Annette Mende
13.03.2019
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Das Absetzen von nicht (mehr) benötigten Arzneimitteln ist genauso wichtig wie die Neuverordnung. Das gilt besonders bei älteren Patienten, die aufgrund mehrerer Erkrankungen viele Arzneimittel einnehmen sollen und daher ein erhöhtes Risiko für Nebenwirkungen und Interaktionen haben. In der Praxis werde das sogenannte Deprescribing aber oft versäumt, sagte die Pharmakologin Professor Dr. Petra Thürmann gestern auf einer Veranstaltung der Bundesapothekerkammer.

Hierfür kann es verschiedene Ursachen geben. Häufig werde etwa eine Medikation aus dem Krankenhaus, zum Beispiel ein Protonenpumpeninhibitor, vom Hausarzt weitergeführt, obwohl der Patient sie nach der Entlassung nicht mehr braucht, so Thürmann. Die Ärztin nahm ihre Kollegen, die sich beim Thema Deprescribing zögerlich zeigen, jedoch gleichzeitig in Schutz; schließlich sei am Ende der Arzt verantwortlich dafür, wenn der Patient durch das Absetzen eines Medikaments zu Schaden kommt.

Eine Befürchtung brauchen Ärzte, die die Medikationsliste ihrer Patienten entschlacken wollen, jedoch nicht zu haben: Dass der Patient etwas dagegen einzuwenden hat. Das zeigt eine Arbeit von Forschern um Dr. Emily Reeve von der University of Sydney im »Journal of the American Geriatrics Society«. Die Autoren hatten 386 australische Patienten im Durchschnittsalter von 74 Jahren sowie 205 pflegende Angehörige, die mit durchschnittlich 67 Jahren auch schon recht betagt waren, per Fragebogen nach ihrer Einstellung zum Deprescribing interviewt. Die Befragten selbst beziehungsweise ihr Angehöriger waren Kandidaten für das Weglassen von Arzneimitteln, denn die regelmäßige Einnahme mindestens eines Medikaments war ein Einschlusskriterium der Studie, das die meisten übererfüllten: Rund 80 Prozent von ihnen nahmen zwischen 3 und 15 Medikamenten ein.

Die große Mehrheit sowohl der Patienten (88 Prozent) als auch der pflegenden Angehörigen (84 Prozent) gaben an, dass sie mit dem Weglassen eines Arzneimittels einverstanden wären, wenn der behandelnde Arzt ihnen sagen würde, dass das möglich ist. Die Patienten haben demnach nicht das Gefühl, dass der Arzt ihnen etwas wegnimmt, wenn er ein Arzneimittel aus der Medikationsliste streicht – vorausgesetzt, sie bekommen es ordentlich erklärt. Bei der notwendigen Kommunikation rund um das Deprescribing können sicher auch Apotheker einen wertvollen Beitrag leisten.

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