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Ältere Patienten

Arzneimitteltherapie sicherer machen

Mit steigendem Alter nimmt häufig die Zahl der eingenommenen Medikamente zu, die Gebrechlichkeit des Patienten aber auch. Beides zusammen macht Ältere zu einer sehr anfälligen Bevölkerungsgruppe für arzneimittelbezogene Probleme. Apotheker können und wollen helfen, diese zu vermeiden, wie heute bei einem Symposium der Bundesapothekerkammer (BAK) deutlich wurde.
Annette Mende
12.03.2019
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Unter dem Schlagwort »Sichere Arzneimittel für die Generation 70Plus – Probleme und Lösungen« hatte die BAK zur Diskussion nach Berlin eingeladen. Der Fokus der Apotheker auf die Über-70-Jährigen ist wichtig, denn in dieser Bevölkerungsgruppe ist eine Polymedikation weit verbreitet: Durchschnittlich jeder Zweite nimmt dauerhaft drei oder mehr Arzneimittel ein. »Jede Polymedikation birgt Risiken«, sagte BAK-Präsident Dr. Andreas Kiefer dazu. Mit der Zahl der eingenommenen Medikamente steigt die Gefahr von schwerwiegenden Nebenwirkungen und Interaktionen.

Jemand muss also den Überblick behalten über die zunehmend komplexe Arzneimitteltherapie älterer Patienten. Sie selbst sind damit häufig überfordert, wie Evelyne Hohmann, Geschäftsführerin der Landesvereinigung Selbsthilfe Berlin, darlegte. Mehrere Einnahmezeitpunkte am Tag und Besonderheiten wie Nüchtern-Einnahme bestimmter Arzneimittel müssten beachtet und mit dem Tagesablauf koordiniert werden. Für ältere Menschen, die häufig mit zunehmenden kognitiven Einbußen zu kämpfen hätten, sei das teilweise einfach zu viel. Ihnen selbst und auch den unterstützenden Angehören helfe es daher sehr, wenn Apotheker sie etwa mit Beratung und Aktualisierung des Medikationsplans bei der Arzneimitteltherapie unterstützen.

Kiefer betonte, dass die öffentlichen Apotheken hierzu prädestiniert sind, weil sie insbesondere ihre älteren Patienten sehr gut kennen. 2015 habe eine Forsa-Umfrage ergeben, dass in der Altersgruppe ab 70 Jahre 92 Prozent der Patienten eine Stammapotheke haben, in der sie von Sonderfällen abgesehen alle ihre Medikamente beziehen. Mit diesem Gesamtbild vor Augen könnten Apotheker im Rahmen eines Medikationsmanagements arzneimittelbezogene Probleme (ABP) erkennen und dem behandelnden Arzt und dem Patienten mögliche Lösungen vorschlagen. »Wenn die verschiedenen Berufsgruppen eng zusammenarbeiten, können wir gemeinsam viel verbessern«, sagte Kiefer.

Zusätzliche pharmazeutische Dienstleistungen

Da der Aufwand eines Medikationsmanagements über die übliche Beratung im Zusammenhang mit der Abgabe eines Arzneimittels hinausgeht, brauchen Apotheker für diese Dienstleistung eine angemessene Honorierung, um sie anbieten zu können. Hierüber wird momentan diskutiert, nachdem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in Aussicht gestellt hatte, einen extra Finanzierungsfonds für zusätzliche pharmazeutische Dienstleistungen einzurichten. Die BAK arbeitet derzeit daran, Dienstleistungen zu definieren, die hierfür infrage kommen.

Laut Kiefer sollen neben komplexen Leistungen wie beispielsweise einem Medikationsmanagement auch einfache Dienstleistungen wie die Zubereitung eines Trockensaftes im Portfolio vorkommen. »Das ist eine kleine, aber wichtige Leistung, die die Arzneimitteltherapiesicherheit entscheidend verbessern kann«, sagte Kiefer. Es sei wichtig, dass die Dienstleistungen, die künftig honoriert werden sollen, auch in der Fläche umzusetzen seien.

Professor Dr. Ulrich Jaehde, Leiter des Bereichs Klinische Pharmazie an der Universität Bonn, ist überzeugt, dass mittelfristig auch die komplexe Dienstleistung eines Medikationsmanagements von allen Apotheken in Deutschland erbracht werden kann. »Für diejenigen Apotheker, die im Staatsexamen bereits in Klinischer Pharmazie geprüft wurden, ist das mit nur wenigen Fortbildungen leistbar. Aber auch die Apotheker, deren Examen schon länger zurückliegt, können ohne viel Aufwand die notwendige Kompetenz erwerben«, sagte Jaehde. Er verwies auf die Ergebnisse einer kürzlich von seiner Arbeitsgruppe publizierten Studie, in der Offizinapotheker nach einer nur halbtägigen Schulung in Medikationsanalysen wichtige arzneimittelbezogene Probleme sicher erkannten.

Zusammenarbeit ist gefragt

Dass der Handlungsbedarf gerade bei den älteren Patienten groß ist, betonte auch Professor Dr. Petra Thürmann, Lehrstuhlinhaberin für Klinische Pharmakologie an der Universität Witten-Herdecke. Thürmann ist der Fachöffentlichkeit bekannt als Herausgeberin der Priscus-Liste, in der für ältere Patienten potenziell inadäquate Medikamente aufgeführt und kommentiert werden. Interaktionen, Doppelverordnungen, Verordnungskaskaden und inadäquate Dosierungen aufgrund nachlassender Nierenfunktion sind Probleme der Pharmakotherapie bei Älteren, die Thürmann nannte. Diese könne keine heilberufliche Profession, ob Ärzte, Apotheker oder Pflegende, alleine lösen. Ein besserer Austausch aller Akteure sei daher wichtig – und werde Umfragen zufolge auch von der großen Mehrheit der Patienten gewünscht. »Das ist ein klarer Auftrag der Patienten, den wir Heilberufler umsetzen müssen«, sagte Thürmann.

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