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Heimbewohner

Offizinapotheker verbessern AMTS

Offizinapotheker können wichtige arzneimittelbezogene Probleme bei Heimbewohnern bei Medikationsanalysen im Offizinalltag zuverlässig erkennen und so die Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) verbessern. Zu diesem Ergebnis kommen Klinische Pharmazeuten der Universität Bonn in einer Studie, die sie jetzt in der Fachzeitschrift »BMC Geriatrics« veröffentlichten.
Daniela Hüttemann
26.02.2019
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In den USA und dem Vereinigten Königreich sind Medikationsanalysen im Krankenhaus oder bei Heimbewohnern längst Standard. In Australien haben viele Versicherte sogar ein Anrecht auf ein sogenanntes Home Medicines Review, bei dem ein Apotheker nach Hause kommt. In Deutschland gehören solche pharmazeutische Dienstleistungen leider immer noch nicht zum Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherung.

Dass apothekerliche Interventionen das Risiko arzneimittelbezogener Probleme (ABP) reduzieren, wurde bereits auch für Deutschland in verschiedenen Studien nachgewiesen. Nicht untersucht wurde bislang, ob Offizinapotheker unter Alltagsbedingungen solche pharmazeutischen Dienstleistungen für Heimbewohner in verlässlicher Qualität anbieten können.

Ja, sie können es, sagt nun ein Team aus Apothekern der Uni Bonn, der AOK Rheinland/Hamburg, des Apothekerverbands Nordrhein und der Linner-Apotheke in Krefeld, das die Verlässlichkeit apothekerlicher Medikationsanalysen im Offizinalltag untersucht hat. Dr. Kerstin Bitter und ihre Kollegen werteten dafür die Medikationsanalysen von zwölf heimversorgenden öffentlichen Apotheken für 94 AOK-versicherte Altenheimbewohner aus. Die Patienten waren mindestens 65 Jahre alt und nahmen fünf oder mehr rezeptpflichtige Arzneimittel pro Tag ein. Die teilnehmenden Offizinapotheker erhielten vor Studienbeginn eine halbtägige Schulung zur Durchführung einfacher Medikationsanalysen, also allein auf Basis der vorliegenden Medikationshistorie ohne Laborwerte, aber inklusive aller OTC-Präparate.

Im Schnitt wurden sieben Medikationsanalysen pro Apotheke erstellt. Insgesamt ermittelten die teilnehmenden Offizinapotheker 154 ABP, was etwa 1,6 ABP pro Patient entspricht. Am häufigsten fielen ihnen Arzneimittelinteraktionen (40 Prozent der dokumentierten ABP), inadäquate Verordnungen (16 Prozent) und unangemessene Dosierungen (14 Prozent) auf. Darüber hinaus stellten die Apotheker 69 Dokumentationsfehler durch die Heime fest. So waren Angaben häufig veraltet oder fehlten, zum Beispiel zum Applikationszeitpunkt.

Zwei erfahrene Klinische Pharmazeuten überprüften die Medikationsanalysen. Bei 88 Prozent der detektierten Interaktionen und 73 Prozent der als unpassend eingestuften Medikationen stimmten sie mit den Offizinapothekern überein, schreiben die Autoren. Relevante ABP seien erkannt worden.

Jede dritte vorgeschlagene Intervention der Apotheker wurde von den verordnenden Ärzten und den Pflegekräften auch umgesetzt, zeigte das Follow-up. Meistens waren es Dosisanpassungen, während Vorschläge zur Arzneimittelsubstitution von den Ärzten meist abgelehnt wurden. Für jede Medikationsanalyse wurde die Apotheke von der AOK Rheinland/Hamburg mit 55 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer vergütet, was ein entsprechender Vertrag zwischen der AOK und dem Apothekerverband Nordrhein möglich machte.

Studienleiter Professor Dr. Ulrich Jaehde sagt über die Ergebnisse: »Die wichtigste Erkenntnis der Studie ist, dass Offizinapotheker mit einfachen Mitteln viel zur AMTS von Heimbewohnern beitragen können.« Die Autoren sehen zwar noch Spielraum für Verbesserungen bei der Qualität der Medikationsanalysen. So sollten Apotheker sich mehr auf klinisch relevante ABP konzentrieren. Sie weisen aber darauf hin, dass die Analysen und vor allem auch die Umsetzung von Interventionen besser werden könnten, wenn die Apotheker Zugriff auf weitere Informationen wie die Laborwerte hätten. Auch die Zusammenarbeit mit den Ärzten sollte enger werden.

Zudem könne eine externe Qualitätskontrolle, ähnlich wie Pseudocustomer-Besuche, bei der Entwicklung der nötigen Fähigkeiten helfen. Damit könne das Potenzial von Medikationsanalysen zur Verbesserung der Patientensicherheit noch besser erschlossen werden. Jaehde schlägt daher vor, dass »Medikationsanalysen für Heimbewohner unbedingt in die aktuelle politische Diskussion um neue, zu vergütende pharmazeutische Dienstleistungen einbezogen werden sollten«.

Die Veröffentlichung ist auf der Website der Klinischen Pharmazie der Uni Bonn unter www.klinische-pharmazie.info frei im Volltext verfügbar.

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