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Deprescribing
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Patienten über das Absetzen von PPI informieren

Gibt man Hausärzten einen Therapiealgorithmus an die Hand und ermuntert vor allem Patienten, über die Notwendigkeit ihres PPI mit ihrem Arzt zu sprechen, führt dies zu niedrigeren Verordnungzahlen. Das zeigt eine neue Studie aus Frankreich.
AutorKontaktDaniela Hüttemann
Datum 22.04.2026  14:30 Uhr

Protonenpumpeninhibitoren (PPI) werden überaus häufig verordnet, aber nicht immer abgesetzt, wenn sie nicht mehr nötig sind. Das verursacht nicht nur unnötige Kosten, sondern geht bei langfristiger Einnahme mit einem erhöhten Risiko für Demenz, Knochenbrüche, kardiovaskuläre Ereignisse, Nierenschäden und Infektionen einher. Daher sollten PPI-Dauerverordnungen immer mal wieder überprüft werden. Darauf verweisen mitunter Apothekerinnen und Apotheker im Rahmen von Medikationsanalysen.

Am ehesten kommt es jedoch zu einem Deprescribing, wenn die Patienten selbst involviert werden. Das zeigt die DEPRESCRIPP-Studie aus Frankreich. Daran nahmen 1498 Allgemeinmedizinerinnen und -mediziner aus 683 Arztpraxen teil. Sie wurden in drei gleich große Gruppen eingeteilt: Bei der ersten Gruppe erhielten Arzt und Patienten eine Intervention, in der zweiten Gruppe nur der Arzt und in der dritten Gruppe lief die Versorgung wie immer ab.

Eingeschlossen wurden die Daten von 34.409 Patientinnen und Patienten (Durchschnittsalter 68,6 Jahre, 56,7 Prozent weiblich), die über mindestens ein Jahr ein PPI verordnet bekommen hatten. In den Gruppen 1 und 2 bekamen die Ärzte einen Brief mit Beschreibung eines evidenzbasierten Deprescribing-Algorithmus für PPI. In Gruppe 1 wurden zusätzlich die Patienten der Arztpraxen aus Gruppe 1 von ihrer Krankenkasse angeschrieben. Sie erhielten neben einem Motivationsschreiben eine Informationsbroschüre über PPI mit dem Titel »Lassen Sie uns über PPI sprechen«.

Nur die Ärzte zu informieren, reicht nicht

Anschließend wurde geschaut, ob sich das Verordnungsverhalten änderte. Angestrebt wurde eine Reduktion der verordneten definierten Tagesdosen (DDD) um 50 Prozent. Dabei zählte nicht nur komplettes Absetzen, sondern auch Dosisreduktionen. Bei 10 Prozent der Patienten jeder Gruppe wurde zudem ein Score für Refluxbeschwerden erhoben. Die Ergebnisse wurden vor Kurzem im Fachjournal »JAMA Internal Medicine« veröffentlicht.

Die Information an die Ärzte allein machte demnach kaum einen Unterschied zur Basisversorgung. Bei Standardbehandlung reduzierten sich die PPI-Dosen bei 7,0 Prozent der Patienten um mehr als die Hälfte der DDD, mit Anschreiben an die Ärzte waren es nur unwesentlich mehr (7,7 Prozent der Patienten). Dagegen gelang eine mehr als 50-prozentige DDD-Reduktion bei fast doppelt so vielen Patienten (14,9 Prozent), die selbst ein Informationsschreiben erhalten hatten und angehalten waren, ihren Arzt auf ein mögliches Absetzen anzusprechen. Zwischen den Gruppen gab es keine signifikanten Unterschiede bei den erhobenen Reflux-Scores.

Damit sei ein Anschreiben von Patienten und Ärzten eine wirksame Maßnahme, um die potenziell inadäquate Verordnung von PPI zu reduzieren ohne einen langfristigen Einfluss auf eine Krankheitsaktivität in Bezug auf die gastroösophagale Refluxerkrankung (GERD), folgern die Autoren um Dr. Jean-Pascal Fournier von der Universität Nantes.

In einem begleitenden Editorial betont der unbeteiligte Dr. Timothy S. Anderson, Assistenzprofessor für Medizin und Wissenschaftler an der Universität Pittsburgh, USA, dass weniger oft mehr sei. Eine Stärke der Studie sei, dass auch Auskünfte der Patienten zu möglichen Refluxbeschwerden erhoben wurden. Er bedauert dagegen, dass es nicht noch eine Gruppe gab, in der die Patienten informiert, aber die Ärzte nicht eigens geschult wurden. So lasse sich nicht sagen, ob die alleinige Patientenaufklärung auch schon ein Absetzen anstoßen kann.

Generell sollten Deprescribing-Strategien viel stärker in den Leitlinien berücksichtigt werden. Entsprechende Algorithmen für PPI und andere Arzneistoffgruppen wie Statine und Benzodiazepine findet man auf der Website depresribing.org, einem Zusammenschluss verschiedener Deprescribing-Netzwerke (auf Englisch und Französisch).

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