| Theo Dingermann |
| 18.03.2026 13:00 Uhr |
Bei der Beurteilung des kardiovaskulären Risikos eines Patienten sollen laut neuer US-Leitlinie neben dem Wert des LDL-Cholesterols weitere Biomarker berücksichtigt werden. / © Adobe Stock/Arnéll Koegelenberg/peopleimages.com
Die beiden großen Fachgesellschaften American College of Cardiology (ACC) und American Heart Association (AHA) haben eine Neufassung der Leitlinie zum Management der Dyslipidämie vorgelegt. Sie markiert einen Paradigmenwechsel in der kardiovaskulären Prävention: Der Fokus liegt nicht mehr so stark wie bisher auf dem Wert des LDL-Cholesterols (LDL-C). Zusätzlich werden verstärkt auch Triglyzeride, Remnant-Partikel sowie Lipoprotein-a als eigenständige Risikofaktoren berücksichtigt.
Ein zentrales Motiv der neuen Leitlinie ist die frühe Intervention im Lebensverlauf, um die kumulative Exposition gegenüber atherogenen Lipoproteinen zu reduzieren. Damit tragen die Autoren der epidemiologischen Evidenz Rechnung, dass nicht allein die Höhe der Lipidwerte, sondern vor allem deren Dauer über Jahrzehnte das Risiko für atherosklerotische Ereignisse bestimmt. In der Konsequenz empfiehlt die Leitlinie eine frühere Diagnostik und gegebenenfalls auch eine frühere pharmakologische Intervention, insbesondere bei familiärer Hypercholesterolämie oder bei LDL-C-Werten ≥ 160 mg/dL bei jungen Erwachsenen.
Eine wesentliche Neuerung ist der Ersatz der bisherigen »Pooled Cohort Equations« durch die »PREVENT-ASCVD-Risikogleichungen« zur Abschätzung des 10- und 30-Jahres-Risikos. Diese Modelle sollen die Risikostratifizierung verbessern und erlauben eine feinere Einteilung in niedrige (< 3 Prozent), grenzwertige (3 bis < 5 Prozent), intermediäre (5 bis < 10 Prozent) und hohe Risiken (≥ 10 Prozent).
Dazu empfiehlt die Leitlinie ein strukturiertes Vorgehen nach dem sogenannten CPR-Modell:
Die Bedeutung dieser Neuerung liegt darin, dass therapeutische Entscheidungen stärker an das individuelle Gesamtrisiko angepasst werden.
Besonders relevant für die Praxis ist die Aufwertung neuer Biomarker. Die einmalige Bestimmung von Lipoprotein-a (Lp(a)) wird nun generell empfohlen, während Apolipoprotein B (ApoB) als Instrument zur Identifikation eines Residualrisikos etabliert wird.
Die Integration dieser Marker reflektiert die zunehmende Erkenntnis, dass ein Teil des kardiovaskulären Risikos durch klassische Lipidparameter allein nicht ausreichend erfasst wird.
Therapeutisch kehrt die Leitlinie zu klaren Zielwerten zurück, wobei deutlich niedrigere LDL-C-Ziele bei Hochrisikopatienten definiert werden. Bei sehr hohem Risiko, etwa in der Sekundärprävention, wird ein LDL-C-Zielwert von < 55 mg/dL empfohlen.
Gleichzeitig erweitert die Leitlinie das Interventionsspektrum durch moderne Wirkstoffe wie PCSK9-Inhibitoren, Inclisiran oder Bempedoinsäure, die insbesondere bei unzureichender Wirkung von Statinen zum Einsatz kommen. Diese Medikamente ermöglichen eine zusätzliche LDL-Senkung bei Patienten, die trotz maximaler Statintherapie ihre Zielwerte nicht erreichen oder Statine nicht vertragen. Darüber hinaus wird der Stellenwert spezifischer Therapien bei Hypertriglyzeridämie, etwa ApoC-III-Inhibitoren wie Olezarsen bei familiärem Chylomikronämie-Syndrom, hervorgehoben.
Diese Rückkehr zu Zielwerten hat praktische Bedeutung für die klinische Versorgung, da sie Therapieentscheidungen, insbesondere die Eskalation zu nicht Statin-basierten Therapien, klarer strukturiert. Neu ist auch die stärkere Integration bildgebender Verfahren in die Risikostratifizierung. Besonders die Koronararterien-Calciumbestimmung (CAC-Score) wird empfohlen, wenn nach klinischer Risikobewertung Unsicherheit über die Indikation zur Lipidsenkung besteht.
Ein CAC-Score > 0 kann eine intensivere Therapie rechtfertigen, während ein Score von 0 in bestimmten Fällen eine Verschiebung der Pharmakotherapie zugunsten einer Lebensstilintervention erlauben kann.
Diese Strategie unterstützt eine individualisierte Prävention und verhindert Über- oder Untertherapie.
Lebensstilinterventionen wie eine Umstellung der Ernährung und mehr Bewegung bleiben Grundpfeiler der Therapie bei Dyslipidämie. / © Adobe Stock/Chinnapong
Trotz der Erweiterung pharmakologischer Optionen betont die Leitlinie weiterhin die zentrale Bedeutung von Lebensstilmaßnahmen. Ernährung, körperliche Aktivität, Gewichtskontrolle und Tabakverzicht bleiben essenzielle Bestandteile jeder Dyslipidämietherapie. Bemerkenswert ist zudem eine klare Empfehlung gegen den Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln zur Lipidsenkung, da deren Wirksamkeit in klinischen Studien nicht überzeugend belegt ist.
Die 2026-Leitlinie markiert einen wichtigen Schritt hin zu einer präzisionsmedizinischen Prävention der Atherosklerose. Durch die Integration neuer Biomarker, moderner Risikomodelle und zusätzlicher Therapieoptionen wird eine differenziertere Risikostratifizierung und individualisierte Therapie ermöglicht. Gleichzeitig bleibt der Grundgedanke bestehen, dass die Reduktion atherogener Lipoproteine der zentrale Ansatz zur Prävention kardiovaskulärer Ereignisse ist.