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Nicht-Tumorschmerzen

Opioide kritisch ein- und rechtzeitig absetzen

Bei Patienten mit nicht-tumorbedingten Schmerzen sind Opioide nicht die erste Wahl. Ihr Einsatz muss regelmäßig überprüft – und eventuell beendet werden.
Brigitte M. Gensthaler
23.10.2020  07:00 Uhr

Weltweit gehört Deutschland zu den Ländern mit den meisten Opioid-Verordnungen. Rund 70 Prozent davon erfolgen bei chronischen nicht-tumorbedingten Schmerzen (CNTS). Etwa circa 1 Prozent der CNTS-Patienten bekommt die starken Analgetika auch langfristig.

»Opioide sind nicht Mittel der ersten Wahl bei chronischen Nicht-Tumorschmerzen«, betonte Professor Dr. Frank Petzke von der Universitätsmedizin Göttingen am Mittwoch bei einer Online-Pressekonferenz anlässlich des Deutschen Schmerzkongresses. »Nur einzelne Patienten sprechen gut auf Opioide an und ihnen wollen wir eine Langzeittherapie auch ermöglichen«, sagte der Schmerzmediziner mit Verweis auf die aktualisierte S3-Leitlinie »Langzeitanwendung von Opioiden bei chronischen nicht-tumorbedingten Schmerzen« (LONTS). Die Leitlinienautoren unterscheiden darin den vier- bis zwölfwöchigen Einsatz von einer Langzeitanwendung, die länger als drei Monate andauert.

Petzke warb dafür, dass Arzt und Patient bereits vor Behandlungsbeginn gemeinsam konkrete Therapieziele definieren, die dann als Marker eines individuellen Therapieerfolgs dienen. Der Patient müsse zudem wissen, dass die multimodale Therapie bei chronischen Schmerzsyndromen eine große Rolle spielt und Opioide eventuell nur unterstützend helfen. Ebenso wichtig ist es, dass der Arzt ihm die Befunde einer bildgebenden Diagnostik genau erklärt. Dass informierte Menschen weniger Opioide benötigen, hat eine US-amerikanische Untersuchung bei Rückenschmerz-Patienten gezeigt

Wann werden Opioide abgesetzt?

Die LONTS-Leitlinie führt diverse Gründe auf, wann eine Opioid-Medikation zu beenden ist. Dies ist der Fall, wenn die individuellen Therapieziele trotz korrekter Einstellung und Dosisanpassung nicht erreicht werden oder inakzeptable Nebenwirkungen auftreten. Mitunter werden die Therapieziele auch auf anderen Wegen, zum Beispiel durch Operation, Behandlung des Grundleidens, physio- und psychotherapeutische oder physikalische Maßnahmen, erreicht.

Petzke nannte einen weiteren wichtigen Grund: »wenn dem Behandler Probleme auffallen, die auf Fehlgebrauch oder Missbrauch hindeuten.« Man müsse wachsam sein, wenn Patienten die Medikation häufiger oder in höheren Dosen einnehmen als verordnet, Rezepte »verlieren« oder zu mehreren Ärzten gehen. »Dann ist eine suchtmedizinische Mitbehandlung nötig.« 

Ein Opioid wird immer schrittweise abgesetzt. Bei Schmerzpatienten, die gut auf die Medikation ansprechen, sind gemäß der Leitlinie regelmäßige Dosisreduktions- bis Auslassversuche angezeigt. Nach sechs Monaten solle der Arzt dies mit dem Patienten besprechen. Ziel ist es, die Indikation zur Verordnung und das Ansprechen auf parallel eingeleitete nicht-medikamentöse Therapien zu überprüfen.

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