Polypharmazie ist bei Patienten mit psychiatrischen Erkrankungen häufig anzutreffen. Je mehr verschiedene Arzneistoffe miteinander kombiniert werden, umso größer ist das Risiko für Interaktionen. / © Getty Images/The Good Brigade
Die Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) von Patienten mit psychiatrischen Erkrankungen ist besonders anspruchsvoll. Dies beruht unter anderem auf patientenindividuellen Faktoren wie dem Alter oder genetischen Variationen sowie auf unterschiedlichen Arzneistoffeigenschaften, unter anderem pharmakodynamischen und pharmakokinetischen Arzneimittelinteraktionen sowie komplexen Nebenwirkungsprofilen. Die Ansprechraten sind daher individuell unterschiedlich.
Im Gegensatz zu vielen somatischen Indikationen wie etwa Bluthochdruck lässt sich der Therapieerfolg bei psychischen Erkrankungen nicht objektiv messen. Gleichzeitig treten Nebenwirkungen wie eine QT-Zeit-Verlängerung oder anticholinerge Unverträglichkeiten oft dosis- beziehungsweise konzentrationsabhängig und individuell unterschiedlich auf. Für die klinische Praxis bedeutet das: Eine individualisierte Betrachtung ist essenziell. Standarddosierungen führen nicht zwangsläufig zu optimalen Therapieergebnissen.
Während Stationsapotheker in somatischen Fachbereichen vielerorts etabliert sind, ist ihr Einsatz in der Psychiatrie noch vergleichsweise wenig verbreitet. In interdisziplinärer Zusammenarbeit mit den Ärzten übernehmen Apotheker eine wichtige Schnittstellenfunktion: Sie bringen pharmakokinetisches und pharmakologisches Wissen ein, unterstützen bei der Bewertung komplexer Therapiestrategien und tragen dazu bei, individuelle Therapieentscheidungen abzusichern.
Ihre Aufgaben gehen in der Psychiatrie über klassische Medikationsanalysen hinaus. Ein zentrales Thema ist der Umgang mit Polypharmazie und komplexen Interaktionen. Unter anderem können bereits geringfügige Änderungen in der Komedikation die Exposition von Psychopharmaka deutlich verändern. Hinzu kommen Fragestellungen, die in dieser Form vor allem in der Psychiatrie relevant sind: der Umgang mit Non-Adhärenz, die Bewertung scheinbar therapieresistenter Verläufe oder Off-Label-Therapien mit Psychopharmaka. Letztgenannte spielen im klinischen Alltag eine große Rolle und erfordern eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung. Des Weiteren ist eine adäquate Interpretation von Psychopharmaka-Blutspiegeln bei der Bewertung unter anderem der Adhärenz, von unzureichendem Therapieansprechen und unerwünschten Arzneimittelwirkungen essenziell.
Ein zentraler Baustein der Arzneimittelsicherheit ist die Prävention und Detektion von Unverträglichkeiten unter Psychopharmaka. Dazu zählen unter anderem das maligne neuroleptische Syndrom, Hyponatriämien, Blutungsrisiken oder das potenziell lebensbedrohliche Serotoninsyndrom. Der Ausschuss für Psychiatrie, Neurologie, Gerontopsychiatrie der ADKA – Bundesverband deutscher Krankenhausapotheker hat sogenannte Short Infos zu den zuvor genannten Unverträglichkeiten erstellt, die kostenfrei auf der ADKA-Homepage abrufbar sind.
Gerade in der Psychiatrie zeigt sich, dass Klinische Pharmazie weit mehr ist als die Prüfung von Verordnungen: Sie ist ein aktiver Bestandteil der Patientenversorgung und gewinnt zunehmend an Bedeutung. Die zunehmende Integration von Apothekern in psychiatrische Behandlungsteams bietet somit großes Potenzial – sowohl zur Verbesserung der Arzneimittelsicherheit als auch zur Optimierung individueller Therapieergebnisse.