Während Frauen zwar insgesamt häufiger erkranken, zeigen sich bei ihnen die Ausprägungen aber oft sanfter. Männer beschreiben die Beschwerden oft als akuter und dramatischer. / © Getty Images/Jelena Lalic
Hinter den vorgetäuschten Erkrankungen steckt (anders als etwa bei Simulanten, die als psychisch gesund gelten) aber meist keine Berechnung. Es geht nicht darum, Vorteile zu bekommen oder Konsequenzen zu vermeiden. Vielmehr ginge es Menschen mit einer artifiziellen Störung um Aufmerksamkeit, erklärt Dr. Steffen Häfner, Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie.
»Sie fühlen sich in der Rolle des Kranken wohl, weil sich andere dann um sie kümmern«, so der ärztliche Direktor der Klinik am schönen Moos. Denn ist das Umfeld besorgt oder steht etwa eine Rundumversorgung im Krankenhaus an, bekommen Menschen mit dieser psychischen Erkrankung laut Häfner häufig, was ihnen im Inneren fehlt.
Die Krankheit kann sich je nach Geschlecht unterschiedlich äußern. Bei Männern tritt oft die schwerste Form auf, auch als Münchhausen-Syndrom bekannt. Die Beschwerden werden hier oft als akuter und dramatischer beschrieben – auch Besuche in der Notaufnahme könnten öfter vorkommen.
Während Frauen zwar insgesamt häufiger erkranken, zeigen sich bei ihnen die Ausprägungen aber oft sanfter. Patientinnen wirken oft so, als würden sie einfach nicht gesund, erklärt Häfner. Frauen seien zudem oft anfälliger für eine besondere Form der Erkrankung: Dem Münchhausen-by-Proxy-Syndrom, auch Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom genannt. Dabei werden laut Häfner gezielt Symptome bei nahestehenden Personen, oft bei eigenen Kindern, hervorgerufen oder vorgetäuscht.
Dahinter stecken laut Häfner meist belastende Erfahrungen, wie eine frühe Vernachlässigung oder ein Mangel an emotionaler Sicherheit. In vielen Fällen werde Fürsorge mit Krankheit verbunden, zum Beispiel wenn jemand als Kind vor allem Beachtung bekommen hat, wenn es ihm schlecht ging. So ein Muster könne sich festsetzen und später wieder auftreten. Für das Gefühl, gesehen zu werden, tun Erkrankte dann einiges. Das könne bis hin zu Fälschungen von Blut- und Urinproben sowie zu Selbstverletzungen reichen.
Unbehandelt können artifizielle Störungen zu körperlichen Schäden durch unnötige Eingriffe und starke psychische Belastung führen, berichtet die »Apotheken Umschau«. Von der Einnahme nicht verschriebener Medikamente bis zur Manipulation von Körperteilen, Körperöffnungen oder Wunden mit Gegenständen, Hitze, Schmutz oder Chemikalien könne vieles vorkommen.