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Krebs

Niedrigere Sterblichkeit durch Vitamin D

Lange war unklar, ob die Supplementation von Vitamin D vor Krebs schützen oder krebsbedingte Todesfälle verhindern kann. Nun zeigen mehrere Metaanalysen: Zur Vorbeugung von Krebs bringt eine Vitamin-D-Gabe nichts, die Sterblichkeit an Krebs kann sie aber senken.
Laura Rudolph
Annette Rößler
17.01.2022  07:00 Uhr

Im Jahr 2019 erschienen gleich drei Metaanalysen, die sich mit dem Zusammenhang zwischen einer Vitamin-D-Supplementation und der Gesamtkrebsinzidenz sowie der Gesamtkrebssterblichkeit beschäftigten und sehr ähnliche Ergebnisse hatten. Die erste Arbeit veröffentlichte eine Gruppe um Dr. NaNa Keum von der Harvard T.H. Chan School of Public Health in Boston im Fachjournal »Annals of Oncology« (DOI: 10.1093/annonc/mdz059). Die Forscherinnen und Forscher berücksichtigten darin zehn bis einschließlich November 2018 veröffentlichte randomisierte kontrollierte Studien (RCT) zur Krebsinzidenz mit insgesamt 6537 Fällen, von denen fünf auch die Krebssterblichkeit untersucht hatten (1591 Todesfälle).

Die Probandinnen und Probanden hatten in den Studien entweder eine tägliche Vitamin-D-Dosis zwischen 400 I.E. und 2000 I.E. erhalten oder Bolusgaben von 20.000 I.E. pro Woche oder 500.000 I.E. einmal jährlich. Als Vergleich hatte entweder Placebo gedient oder andere Nahrungsergänzungsmittel, zum Beispiel Calcium ohne Vitamin D. Die Nachbeobachtungszeit hatte drei bis zehn Jahre betragen. Als Grundlage der Metaanalyse dienten die erreichten Spiegel von 25-Hydroxy-Vitamin-D im Blut der Interventions- und der Vergleichsgruppen. Diese lagen zwischen 54 und 135 nmol/l.

Die Forschergruppe um Keum ermittelte keine Beeinflussung der Krebsinzidenz durch höhere Vitamin-D-Spiegel. Die krebsbezogene Gesamtmortalität konnte die Vitamin-D-Supplementation jedoch signifikant senken: Das Risiko verringerte sich durchschnittlich um 13 Prozent, wobei nur die tägliche Supplementation eine Auswirkung hatte und nicht die seltenere Bolusgabe. Auch war der Effekt in Studien mit einer Nachbeobachtungszeit unter fünf Jahren nicht vorhanden, was auf eine Latenzzeit der schützenden Wirkung von Vitamin D hindeutet, die, wie die Autoren bemerken, auch in früheren Studien schon zu sehen gewesen sei.

Die protektive Wirkung des Vitamin D bei Krebspatienten könne möglicherweise durch immunmodulatorische Effekte und eine Senkung der Metastasierungsneigung von Tumoren erklärt werden. Insofern sei es sinnvoll, in weiteren Studien zu testen, ob eine Vitamin-D-Supplementation bei Krebspatienten die Mortalität senkt. Allerdings werde dabei womöglich die Schutzwirkung unterschätzt, da sie umso stärker ausgeprägt sein könnte, je früher mit der Einnahme begonnen werde: In den hier berücksichtigten Studien hätten die meisten Probanden zu Beginn noch keine Krebsdiagnose gehabt, die Supplementation also sogar schon in einem prädiagnostischen Stadium begonnen. Wenn erst nach der Diagnose mit der Einnahme begonnen werde, sei dies möglicherweise zu spät.

Auch die zweite Studie, eine im »Journal of Community Hospital Internal Medicine Perspectives« erschienene Arbeit, zeigte eine Reduktion der Krebssterblichkeit um 13 Prozent durch Vitamin-D-Supplementation, aber keinen krebsprotektiven Effekt (DOI: 10.1080/20009666.2019.1701839). Die Autoren um Dr. Tarek Haykal vom Hurley Medical Center in Flint, Michigan, berücksichtigten darin zehn placebokontrollierte RCT mit insgesamt 79.055 Teilnehmern. Auch sie kommen zu dem Fazit, dass eine Supplementation von Vitamin D zur Prävention im Zusammenhang mit Krebs sinnvoll sein könne, da sie zwar nicht nachweislich die Krebsinzidenz senke, wohl aber die Sterblichkeit reduzieren könne, falls ein Mensch unter der Anwendung an Krebs erkranke.

Metaanalyse Nummer 3 schließlich ermittelte genau wie die anderen beiden eine Senkung der Krebsmortalität um 13 Prozent durch Vitamin D, und zwar von 2,43 auf 2,11 Prozent. Einbezogen waren wieder zehn RCT mit diesmal insgesamt 81.362 Teilnehmern. Wie die Autoren um Dr. Xinran Zhang vom China-Japan Friendship Hospital in Peking im Fachjournal »Bioscience Reports« ausführten, ergab sich auch hier kein Hinweis auf eine Schutzwirkung vor Krebs (DOI: 10.1042/BSR20190369).

Nahrungsmittel statt Supplemente

Angesichts der so belegten Vorteile einer erhöhten Vitamin-D-Zufuhr mit Blick auf die Krebssterblichkeit untersuchten Forscherinnen und Forscher des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) zuletzt die Frage, ob mit Vitamin D angereicherte Lebensmittel eine Alternative zur Supplementierung darstellen könnten. Solche Lebensmittel, beispielsweise Milch und Joghurt, Orangensaft oder Frühstücksflocken mit einer Extraportion Vitamin D seien in Kanada, Schweden, Finnland oder Australien längst Alltag in jedem Supermarkt, heißt es dazu in einer Pressemitteilung des DKFZ. Staatliche Programme regelten in diesen Ländern, welche Lebensmittel mit welcher Vitamindosis angereichert werden.

Laut einer Modellrechnung, die die Gruppe um Dr. Tobias Niedermaier im Fachjournal »Nutrients« veröffentlichte, lässt sich der 25-Hydroxy-Vitamin-D-Blutspiegel mit angereicherten Lebensmitteln um etwa 10 bis 42 nmol/l erhöhen (DOI: 10.3390/nu13113986). Damit schneidet der Verzehr solcher Lebensmittel nicht schlechter ab als die Supplementation, die mit 820 bis 2000 I.E. pro Tag eine Erhöhung des Blutwerts um circa 15 bis 30 nmol/l erreicht. Im Durchschnitt erzielte die Lebensmittelanreicherung Werte, die einer Einnahme von 400 I.E. Vitamin D pro Tag entsprechen.

Vitamin D (mit-) zu essen statt zu schlucken oder zu spritzen, hätte aus Sicht der Autoren nicht nur praktische Vorteile, sondern auch finanzielle. Laut ihren Berechnungen ließen sich damit etwa 95 Prozent der Kosten einsparen, die nötig wären, um die Bevölkerung ab 50 Jahren in Deutschland täglich mit einem Vitamin-D-Präparat zu versorgen. »Im Vergleich zu den eingesparten Krebsbehandlungskosten wären die Kosten vernachlässigbar gering. Und wir würden weitaus größere Kreise erreichen, etwa Menschen mit einem geringeren Gesundheitsbewusstsein, die häufig besonders niedrige Vitamin-D-Spiegel haben«, führt Niedermaier aus.

Daher plädieren die Forscherinnen und Forscher des DKFZ dafür, die protektiven Effekte von mit Vitamin D angereicherten Lebensmittel in weiteren Studien zu untersuchen.

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