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Vegan in der Schwangerschaft

Neurologische Schäden beim Kind möglich

Frauen, die sich vegan ernähren, haben ein erhöhtes Risiko für einen Vitamin-B12-Mangel. In der Schwangerschaft stellt dieser eine Gefahr dar: Es drohen Fehlbildungen und bleibende neurologische Schäden beim Kind. Eine Supplementation ist dringend notwendig.
Christina Hohmann-Jeddi
18.03.2019
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Über die Risiken, die mit einer veganen Ernährung in der Schwangerschaft verbunden sind, berichtete Professor Dr. Stefan Eber, Kinder- und Jugendmediziner an der M1 Privatklinik in München beim Fortbildungskongress der Frauenärztlichen Bundesakademie in Düsseldorf. Vegan lebende Frauen, die sich ein Kind wünschen, sollten dringend Vitamin B12 supplementieren. Das Vitamin ist unter anderem wichtig für die Blutbildung und den Aufbau von Neuronen. Es kommt vor allem in tierischen Lebensmitteln wie Fleisch und Milchprodukten vor. In pflanzlichen Nahrungsmitteln ist es nur in Spuren enthalten, weshalb Vegetarier und Veganer ein erhöhtes Risiko für einen Mangel haben.

»Strenge Veganer nehmen durchschnittlich 0,4 µg Vitamin B12 pro Tag auf«, sagte Eber. »Das ist nur eine Zehntel von der empfohlenen täglichen Zufuhr.« Erst vor Kurzem hatte die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) ihre Empfehlungen überarbeitet und den entsprechenden Wert angehoben. Für Jugendliche ab 13 Jahren und Erwachsene gilt jetzt ein Tagesbedarf von 4 µg, Schwangeren werden 4,5 µg und Stillenden 5,5 µg täglich empfohlen.

Diese Werte sind bei veganer Lebensweise nur durch Supplementation des Vitamins zu erreichen, sagte der Mediziner. Die meisten Veganerinnen sind sich dessen bewusst. Unterbleibt aber eine Supplementation, kann ein Mangel auftreten. Auf Dauer macht sich dieser als Blutbildveränderung, häufig einer Anämie und entsprechender Blässe und Müdigkeit, bemerkbar. Bleibt der Mangel lange unentdeckt, kann eine funikuläre Myelose auftreten, bei der Nervenbahnen im Rückenmark demyelinisiert werden. Das kann neuropsychiatrische Symptome wie Sensibilitätsstörungen, Gangunsicherheit, Verwirrtheit, Spannungskopfschmerz bis hin zu Lähmungen verursachen, berichtete Eber. In schweren Fällen werden die Nerven irreparabel geschädigt.

Liegt in der Schwangerschaft ein Mangel vor, kann auch das Ungeborene beeinträchtigt werden: Ein Vitamin-B12-Mangel erhöht das Risiko für Neuralrohrdefekte, Spontanaborte und Frühgeburten. Kinder, die im Mutterleib einem Mangel ausgesetzt waren, können nach der Geburt neurologische Symptome wie Apathie, Reizbarkeit, übermäßiges Schreien und Fütterungsschwierigkeiten zeigen. »Bei den Babys von vegan lebenden Müttern sehen wir immer wieder leichte Beeinträchtigungen der Gehirnfunktion und in seltenen Fällen auch sehr schwere Schädigungen«, sagte der Kinderarzt. Selbst mit hohen Vitamingaben nach der Geburt ließen sich die Schäden nicht immer vollständig beseitigen. In Einzelfällen drohe dem Kind eine lebenslange geistige Behinderung.

Daher sollten vegan lebende Frauen mit Kinderwunsch schon frühzeitig ihren Frauenarzt ansprechen und den Blutwert von Vitamin B12 bestimmen lassen. Denn Symptome können schon bei einem latenten Mangel auftreten, also bevor sich das Defizit mit Blutarmut, Erschöpfbarkeit oder anderen Symptomen bei der Frau bemerkbar macht. »Die Frauen müssen über die Risiken aufgeklärt werden«, forderte Eber. In der Schwangerschaft sollte bei vegan lebenden Frauen regelmäßig der Spiegel überwacht werden. Da das supplementierte Vitamin B12 der Mutter bevorzugt zum Fetus transportiert wird, kann die Mutter trotz Supplementation im Mangelzustand bleiben.

Bei nachgewiesenem Mangel reicht in leichten Fällen eine orale Gabe von 1 mg Vitamin B12 pro Tag aus, in schwereren Fällen sollte innerhalb von einer Woche viermal 1 mg intramuskulär injiziert werden. Durch die Injektion in den Muskeln füllen sich die Vitamin-B12-Speicher im Körper schneller auf als durch orale Applikation, erklärte der Kinderarzt dieses Vorgehen. Danach sollte sich eine orale Gabe von 1 mg täglich über vier Wochen anschließen. Nach der Geburt sollte neben der Mutter auch das Kind untersucht werden und gegebenenfalls Vitamingaben erhalten. Zu Bedenken ist auch, dass die Mutter während der Stillzeit weiterhin ausreichend Vitamin B12 supplementieren muss.

Neben Vitamin B12 kann das Kind durch eine vegane Ernährung der Mutter in Schwangerschaft und Stillzeit auch mit anderen Nährstoffen wie Iod, Docosahexaensäure und Proteinen insgesamt unterversorgt sein, was die Gehirnentwicklung negativ beeinflussen kann. »Während manche Erwachsenen offensichtlich über längere Zeit vegan leben können, ohne einen Schaden davonzutragen, ist das in der Schwangerschaft und beim sich entwickelnden und wachsenden Kind keine sinnvolle Ernährung«, so der Kinderarzt. Eine vegane Ernährung in der Schwangerschaft ist seiner Ansicht nach ethisch sehr problematisch, da die Frau die Entscheidung nicht für sich allein trifft, sondern für einen weiteren Menschen mit. Die DGE empfiehlt eine vegane Ernährung weder in Schwangerschaft und Stillzeit noch im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter.

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