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Galenische Forschung

Natürliche Phospholipide als Entzündungshemmer

Entzündungshemmende Stoffe auf der Basis von Bestandteilen menschlicher Zellen könnten künftig Ibuprofen, Diclofenac und Co. Konkurrenz machen. Am Institut für Pharmazie der Universität Halle-Wittenberg wurde ein besonderes Herstellungsverfahren mit gemischten Mizellen entwickelt.
Sven Siebenand
10.09.2020  13:01 Uhr

Im Fachjournal »European Journal of Pharmaceutical Sciences« hat ein Forscherteam um Miriam Elisabeth Klein seine Untersuchungsergebnisse veröffentlicht. Darin informiert es zunächst, dass die beiden im Körper vorkommenden Phospholipide Phosphatidylserin (PS) und Phosphatidylglycerol (PG) antientzündliche Eigenschaften aufweisen. Bislang sei das therapeutische Potenzial dieser Substanzen aber noch nicht umfassend untersucht worden und der Schwerpunkt habe bisher auf PS- und PG-Liposomen gelegen.

»Wir versuchen nachzumachen, was die Natur vormacht«, erklärt Seniorautor Dr. Karsten Mäder, Professor für Pharmazeutische Technologie an der Universität Halle-Wittenberg, in einer Pressemitteilung der Hochschule. Phospholipide wie PS und PG kommen im menschlichen Körper natürlich vor, beispielsweise auf der Innenseite von Körperzellen. Stirbt eine Zelle, kehrt sie einen bestimmten Bestandteil ihrer Zellmembran nach außen: PS. Das gibt Fresszellen das Signal, diese Zelle zu verdauen. Das Phospholipid sorgt aber auch dafür, dass hierbei keine Entzündungsreaktion einsetzt. Ähnliches passiert in der Lunge, die beim Einatmen mit sehr vielen Fremdstoffen konfrontiert ist. An dieser Stelle ist es das Phospholipid PG, das inflammatorische Prozesse unterbindet.

Medizinisch sind beide Phospholipide deshalb interessant, weil der Körper sie nicht als Fremdstoffe erkennt, wodurch weniger Nebenwirkungen zu erwarten sind. Eine Studie aus den USA hat zuvor bereits gezeigt, dass PS gegen die Entzündung nach einem Herzinfarkt wirkt. »Allerdings war die Herstellung der Zubereitung aufwendig«, so Mäder.

Um die Formulierungsoptionen zu erweitern, untersuchten die Forscher in Halle, ob gemischte Mizellen eine Alternative zu den bisher genutzten Liposomen darstellen könnten. Mögliche Vorteile dieser gemischten Mizellen könnten ihre thermodynamische Stabilität, geringe Größe und einfache Herstellung sein. Die mit dem neuen Verfahren hergestellten Phospholipide erwiesen sich als unschädlich für Körperzellen und Blutbestandteile. Vor allem die so hergestellten PG-Teilchen verringerten unter Laborbedingungen die entzündliche Aktivität von Fresszellen.

»Die Ergebnisse weisen auf ein hohes Potenzial der Phospholipide für antientzündliche Therapien hin«, fasst Mäder zusammen. Mögliche Einsatzgebiete könnten zum Beispiel Infarkte, Arthritis oder Schuppenflechte sein. Bevor es aber soweit ist, haben die Forscher noch einiges an Arbeit vor sich und auch in klinischen Studien müssen die Phosholipide ihre Fähigkeiten noch unter Beweis stellen.

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