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Wadenkrampf

Muskeln im Streik

Ein Schmerz, der jäh aus dem Schlaf reißt, der Sportler am Weitermachen und Senioren am Gehen hindert, gibt der Forschung nach wie vor Rätsel auf. Erstaunlich simple Möglichkeiten und noch weniger Evidenzbasiertes gibt es, um den Muskelkrampf zu lösen.
Elke Wolf
17.07.2019  14:00 Uhr

Im Prinzip ist jeder der 656 Muskeln im Körper in der Lage, sich spontan und unwillkürlich zusammenzuziehen. Doch am häufigsten trifft es die Beine. Selbst junge Erwachsene kennen zu 90 Prozent den Krampf, der vorwiegend in Ruhe, während der Nacht, die Muskeln der Wade und des Fußgewölbes wie eine Kralle zusammenschnurren lässt. Die Frequenz nimmt mit dem Alter zu: 35 bis 50 Prozent der über 65-Jährigen haben regelmäßig mindestens einmal pro Woche diesen Schmerz, heißt es in der S1-Leitlinie »Crampi/Muskelkrampf« der Deutschen Gesellschaft für Neurologie von 2017.

Warum es hauptsächlich die unteren Extremitäten trifft, darüber lässt sich nur spekulieren. Vermutlich sind die dort arbeitenden tonischen, langsam kontrahierenden Typ-1-Faser-Muskeln besonders anfällig für die Art ihrer Erregung am Übergang von Nerv zu Muskel an der motorischen Endplatte. Denn diese Art von Schmerz ist neurogen bedingt, das heißt, im Zusammenspiel von Nerven und Muskeln gibt es Dysbalancen. Bei einem Krampf senden Nervenzellen nicht mehr nur elektrische Impulse, wenn das Gehirn den Befehl dazu gibt. Vielmehr geben sie unkontrolliert Signale zur Kontraktion an den Muskel weiter, sodass dieser schließlich »dicht macht« und verkrampft. Die Messung der elektrischen Impulse, die mit der Reizweiterleitung verbunden sind, zeigt zahlreiche Entladungen von Aktionspotenzialen in sehr rascher Folge. Eine Pilotstudie an der Universität Köln zeigte, dass Elektrostimulation desensibilisierend wirkt und sich damit die Reizschwelle erhöhen lässt. Die Häufigkeit spontan auftretender Krämpfe war deutlich reduziert.

Muskelkrämpfe treten aber auch auf, wenn der Flüssigkeits- und Mineralstoffhaushalt aus dem Lot geraten ist. Durch körperliche Arbeit oder sportliche Belastung besonders während der Sommermonate, durch Erbrechen, Durchfall oder einseitige Diäten verliert der Körper nicht nur Flüssigkeit, sondern auch wichtige Mineralstoffe wie Kalium oder Magnesium. Fehlen diese Elektrolyte, ist das Muskelgewebe leichter erregbar und hat eine erhöhte Krampfbereitschaft. Auch in der zweiten Schwangerschaftshälfte machen vermehrt Wadenkrämpfe zu schaffen, weil sich durch das ungeborene Kind die Mineralstoffdepots der Mutter schneller leeren.

Doch Muskelkrämpfe können auch ein Indiz für eine zugrunde liegende Erkrankung sein – man nennt sie dann symptomatisch. Sie sind dann mitunter etwas anders geartet, schießen häufiger ein, treten beidseitig auf oder werden etwa von Missempfindungen begleitet. Diese, das betont die Leitlinie deutlich, sind dringend von einem Arzt abzuklären; sie sind nicht selbstlimitierend und kein Fall für die Selbstmedikation. Solche Symptome weisen auf Krankheiten des zentralen und peripheren Nervensystems hin. Sind etwa die Nerven durch einen Bandscheibenvorfall oder eine Enge im Rückenmarkskanal gereizt, können sie dauerhaft die Muskeln befeuern. In-frage kommen auch Durchblutungsstörungen wie die periphere arterielle Verschlusskrankheit, neurologische Störungen wie Borreliose oder eine Polyneuropathie, die die Nerv-Muskel-Signalübertragung empfindlich stören.

Magnesium vor Chinin

Die Möglichkeiten, die Krampfkralle zu lösen, sind begrenzt. Im Akutfall bleibt leitliniengemäß eigentlich nur, die verkrampfte Muskulatur zu dehnen und die Antagonisten, also die entgegen-gesetzten Muskeln, anzuspannen. Tatsächlich bekommen die meisten Betroffenen die Kontraktionen wieder gelöst, indem sie das Bein ausstrecken und die heftig zusammengezogenen Muskeln vorsichtig wieder dehnen. Dafür ziehen sie beim durchgestreckten Bein die Zehen Richtung Knie und treten mit der Ferse nach vorne.

Auch was die Vorbeugung dieses Krampfes betrifft, sind die Therapieoptionen eher bescheiden, zumindest wenn man den Anspruch einer evidenzbasierten Medizin zugrunde legt. Die Leitlinie nennt als einzigen Arzneistoff, für den die Wirksamkeit als belegt gilt, Chinin. Die abendliche Einnahme des Sulfatsalzes oder Hydrochinin in einer Dosierung von 200 bis 400 mg vor dem Schlafengehen hat sich als hilfreich erwiesen. Doch sein Risikoprofil lässt die Substanz für einen breiten Einsatz bei banalen Wadenkrämpfen ungeeignet erscheinen.

Wegen zwar seltener, aber sehr schwerer Nebenwirkungen (wie Störungen der Blutgerinnung, immunologisch vermittelte und damit dosisunabhängige Thrombozytopenie und kardiale Reizleitungsstörungen) empfehlen die Leitlinienautoren Chinin erst in zweiter Linie und nur bei schwerer Ausprägung der Attacken. Seit 2017 ist das einzige in Deutschland erhältliche Präparat Limptar® der Rezeptpflicht unterstellt.

Zweifel an Magnesium

Jetzt ergibt sich ein Dilemma: Für Magnesium, die zweite Therapiealternative, liegen keine aus-reichenden klinischen Studiendaten vor, aus denen sich eine evidenzbasierte Therapieempfehlung ableiten ließe. Dennoch sprechen sich die Leitlinienautoren grundsätzlich bei Wadenkrämpfen für einen Therapieversuch mit dem Mineral aus. Am besten sei die Magnesiumgabe noch in der Schwangerschaft belegt. Naturgemäß kann die Einnahme von Magnesium nur dann die Muskelspannung positiv beeinflussen, wenn zuvor auch ein Mangel vorgelegen hat.

Chininsulfat setzt hingegen genau dort an, wo die Krämpfe ausgelöst werden, an der motorischen Endplatte. Physiologischerweise löst der an den Nervenenden freigesetzte Botenstoff Acetylcholin am Muskel eine Kontraktion aus. Als Acetylcholinhemmer senkt Chinin die Erregbarkeit des Muskels und hemmt die Übertragung der Nervenreize auf die Muskeln. Die Folge: Der Muskel wird schwerer erregbar, seine Krampfneigung herabgesetzt. Zusätzlich verlängert Chininsulfat nach vorangegangener Muskelanspannung die Erholungszeit durch direkte Wirkung auf die Muskelfaser.

Dennoch empfehlen die Leitlinienautoren bei harmlosen Wadenkrämpfen einen Behandlungsversuch mit organischen Magnesiumsalzen (wie Magnesium-Loges®, Magnesium Verla®, Biolectra® Magnesium, Magnetrans®). Diese scheinen eine höhere Bioverfügbarkeit zu haben als anorganische Verbindungen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hält eine Tageshöchstmenge von 250 Milligramm Magnesium für probat. Überschüssiges Magnesium wird ausgeschieden, wobei weiche Stühle beziehungsweise Durchfälle anzeigen, dass die Magnesium-speicher gefüllt sind. Bei bestehender Niereninsuffizienz, Herzrhythmusstörungen oder Störungen der Endplattenfunktion ist Vorsicht geboten. Die Leitlinienautoren raten zu einem Auslass-versuch nach dreimonatiger Behandlung. Mit der Bewertung des Therapieeffekts sei es jedoch so eine Sache, da die Frequenz von Muskelkrämpfen bei Patienten häufig wechsle. Gegen den Einsatz während der Schwangerschaft bestehen keine Bedenken.

Daumen hoch fürs Dehnen

Die Leitlinienautoren weisen ausdrücklich auf die Zweckmäßigkeit regelmäßiger Dehnübungen und Massagen hin. Denn werden sie vor dem Sport gemacht, beugen sie belastungsinduzierten Krämpfen vor. Auch wenn Wadenkrämpfe wiederholt die nächtliche Ruhe stören, sorge regelmäßiges Dehnen der Wadenmuskulatur vor dem Schlafengehen für angenehmere Ruhe. Zumindest überbrücken sie die Zeit, bis sich das Problem von allein löst. Denn die Phasen wieder-kehrender Kontraktionen ebben meist nach einiger Zeit wieder ab. 

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