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Kopfschmerzen

Migräne oft nicht richtig therapiert

Die Therapie von Patienten mit Migräne ist offenbar häufig suboptimal. Das zeigt eine Studie von Schmerzmedizinern des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Viele Fehltage der Betroffenen müssten womöglich nicht sein, wenn die Patienten besser versorgt wären.
Annette Mende
22.11.2019
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Migräne ist eine hirnorganische Erkrankung, für deren Therapie es klare Leitlinien gibt. Mit den vorhandenen Optionen zur Therapie und Prophylaxe ist es in vielen Fällen möglich, die Schwere der Kopfschmerzattacken abzumildern und / oder ihre Häufigkeit zu reduzieren. Dennoch unterschätzen offenbar viele Patienten und auch Ärzte die Migräne und schöpfen die therapeutischen Möglichkeiten nicht aus.

Anders lassen sich die Ergebnisse der kürzlich im »Journal of Headache and Pain« erschienenen Arbeit kaum erklären, auf die aktuell die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) in einer Mitteilung hinweist. Mediziner um Christian Ziegeler hatten darin 1935 Patienten erfasst, die zwischen 2010 und 2018 aufgrund von Migräne die Kopf- und Gesichtsschmerzambulanz am UKE aufgesucht hatten, und ihre bisherige Therapie evaluiert. Im Schnitt waren die Patienten 37 Jahre alt und litten an zwölf Tagen im Monat unter Kopfschmerzen.

Obwohl bei 61 Prozent der Teilnehmer eine Indikation für eine medikamentöse Migräneprophylaxe vorgelegen hätte, hatte mehr als die Hälfte von ihnen (53,3 Prozent) nie ein Medikament zur Prophylaxe verschrieben bekommen oder dieses nicht eingenommen. Dass der Bedarf durchaus vorhanden gewesen wäre, zeigte sich daran, dass die Teilnehmer ohne Prophylaxe in den drei Monaten vor ihrem ersten Termin in der Kopfschmerzambulanz im Schnitt fünf Arbeits- oder Schultage versäumten, an acht Tagen im Monat den Haushalt nicht erledigen konnten und durchschnittlich sieben Tage ihres Familienlebens oder ihrer Freizeit verpassten.

Ihre massiven Beschwerden hatten die Teilnehmer sehr häufig zum Arzt geführt, nämlich durchschnittlich sieben Mal im Jahr vor ihrem Besuch in der Ambulanz. 90 Prozent waren zum Allgemeinmediziner gegangen und 75 Prozent auch zum Neurologen. Fast ein Drittel der Patienten (31 Prozent) war wegen ihrer Migräne mindestens einmal in der Notaufnahme gewesen, ein knappes Viertel (23 Prozent) sogar schon stationär behandelt worden. Bei ihrer Ärzte-Odyssee war etwa die Hälfte der Patienten (47 Prozent) zwischendurch auch bei einem Orthopäden gelandet, »weil es gar nicht selten zu nackenbetonten Schmerzen im Rahmen einer Migräneattacke kommt«, erklärt DMKG-Präsidentin Privatdozentin Dr. Stefanie Förderreuther dieses Teilergebnis.

Die Neurologin und Kopfschmerzspezialistin weist noch auf einen weiteren Aspekt hin, der für Apotheker interessant ist: Bei 9 Prozent der Patienten lag ein Medikamentenübergebrauch-Kopfschmerz vor. Mehr als drei Viertel dieser Patienten (77 Prozent) hatten noch nie den Versuch unternommen, die Schmerzmedikamente wegzulassen. »Die Medikamente werden notgedrungen genommen, um im Beruf und Privatleben zu funktionieren«, interpretiert Förderreuther. Den meisten Patienten sei zwar bewusst, dass sie damit ihre Leber und Niere schädigen können, »sie ahnen aber nicht, dass der Übergebrauch gerade zur Verstärkung und Chronifizierung ihrer Kopfschmerzen wesentlich beiträgt«, so Förderreuther. Migräne sei an sich nicht schwer zu therapieren. »Die Behandlung wird aber aufwendiger, je weiter ein Patient chronifiziert ist.«

Das Follow-Up der Studie gibt ihr recht. Nachdem in der Ambulanz eine leitliniengerechte Therapie eingeleitet worden war, bewerteten die Ärzte deren Wirksamkeit in 71 Prozent der Fälle als sehr gut oder gut. Bei 140 Patienten mit mindestens drei Migräneattacken pro Monat ohne Prophylaxe erwies sich diese in 80 Prozent der Fälle als sehr gut oder gut wirksam und in 76 Prozent der Fälle auch als sehr gut oder gut verträglich.

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