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Ethische Abwägung
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Menschenleben retten – oder Lebensjahre?

Wie entscheiden Menschen, wenn sie zwischen der Rettung von Leben oder Lebensjahren wählen müssen? Eine Studie zeigt: Viele berücksichtigen soziale Kriterien und Fairness – nicht nur die Maximierung von Lebensjahren. Damit stellen die Ergebnisse zentrale Ansätze im Gesundheitswesen infrage.
AutorKontaktJennifer Evans
Datum 28.04.2026  12:00 Uhr

Viele der weltweiten Gesundheitssysteme orientieren sich an einem einfachen Prinzip: Sie wollen Menschen möglichst viele gesunde Lebensjahre sichern. Das führt dazu, dass Behandlungen Vorrang erhalten, die mehr Lebenszeit bringen – und damit profitieren meist Jüngere stärker als Ältere. Diese Logik prägt etwa Health Technology Assessments (HTA), zu deren zentralen Kriterien die Messung von Quality Adjusted Life Years (QALYs) gehört.

Doch viele Menschen teilen diesen politischen Ansatz nur bedingt. Das zeigt eine internationale Umfrage während der Corona-Pandemie mit gut 14.300 Teilnehmenden aus zwölf geografisch und wirtschaftlich unterschiedlichen Ländern, darunter Großbritannien, USA, China, Brasilien und Uganda.

Die Befragten mussten entscheiden, wem sie einen lebensrettenden Impfstoff geben würden. Entweder einer 55‑jährigen Person mit einer erwarteten Lebenszeit von 30 Jahren oder einer beziehungsweise mehreren 75‑jährigen Personen, die jeweils noch zehn Jahre zu leben hätten.

Opferbereitschaft variiert

Die im »European Journal of Health Economics« veröffentlichte Studie zeigt: Zwei Drittel wählten die 55‑jährige Person statt einer einzelnen 75‑jährigen. Bei komplexeren Abwägungen änderte sich das Bild jedoch. Die Teilnehmenden orientierten sich nicht strikt daran, möglichst viele Lebensjahre zu retten. Im Durchschnitt waren sie bereit, zweieinhalb ältere Leben für ein jüngeres einzutauschen – unabhängig von Geschlecht und Herkunftsland.

Nach Einschätzung des Autorenteams um den Wirtschaftswissenschaftler Dr. Laurence Roope vom Health Biomedical Research Centre in Oxford liegen die Präferenzen der Bevölkerung damit zwischen Gleichbehandlung aller Leben und der Maximierung von Lebensjahren. Keiner der beiden Ansätze bildet jedoch die tatsächlichen Entscheidungen und damit das Wertegefühl vollständig ab.

Sobald der Beschäftigungsstatus ins Spiel kam, verschob sich die Grenze erneut. Arbeitete nur die jüngere Person, stieg die Bereitschaft, sogar mehr als drei ältere Leben zugunsten des jüngeren Arbeitnehmers zu opfern. Arbeitete hingegen nur die ältere Person, entschied sich knapp die Hälfte dafür, ihr den Impfstoff zu geben. Waren beide erwerbstätig oder beide nicht berufstätig, blieb das Verhältnis stabil.

Bevölkerung wertet differenziert

Die Studie wirft die Frage auf, ob die Prinzipien der Gesundheitssysteme mit den Werten der Bevölkerung in Einklang stehen. Menschen wägen offenbar nicht rein mathematisch ab, sondern beziehen Fairness, soziale Faktoren und Kontext in ihre Entscheidungen ein. Sie bewerteten differenzierter, wie das Autorenteam hervorhob.

Ethische Entscheidungen im Gesundheitswesen seien zwar komplex und erforderten fachliche Expertise, betonen die Forschenden. Dennoch halten sie es für sinnvoll, öffentliche Werte stärker einzubeziehen – etwa durch Bürgergremien oder moderierte Diskussionsgruppen. Das könnte ihrer Ansicht nach langfristig auch das Vertrauen in die Gesundheitspolitik stärken.

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