| Sven Siebenand |
| 11.08.2026 07:00 Uhr |
Lurbinectedin ist ein Analogon der marinen Verbindung ET-736, die aus einer Seescheide isoliert wurde. / © Pharma Mar
Kleinzelliger Lungenkrebs (SCLC) macht etwa 15 bis 20 Prozent aller Lungenkrebsfälle aus. Jährlich gibt es in Europa rund 62.000 neue Fälle. Häufig wird ein SCLC erst im fortgeschrittenen Stadium (Extensive Stage SCLC, ES-SCLC) diagnostiziert.
Zugelassen ist Lurbinectedin in Kombination mit dem bekannten Checkpoint-Inhibitor Atezolizumab für die Erhaltungstherapie bei erwachsenen ES-SCLC-Patienten, deren Erkrankung nach einer Erstlinien-Induktionstherapie mit Atezolizumab, Carboplatin und Etoposid nicht fortgeschritten ist.
Wichtige Basis für die Zulassung sind die Ergebnisse der randomisierten Phase-III-Studie IMforte. Diese untersuchte Lurbinectedin plus Atezolizumab als Erstlinien-Erhaltungstherapie bei Patienten mit ES-SCLC. 483 Patienten wurden nach Abschluss von vier Zyklen einer Induktionstherapie mit Carboplatin plus Etoposid und Atezolizumab randomisiert. Entweder erhielten sie intravenös Lurbinectedin 3,2 mg/m2 und Atezolizumab 1200 mg alle drei Wochen oder sie bekamen nur den Checkpoint-Inhibitor.
Ab dem Zeitpunkt der Randomisierung lag das mediane Gesamtüberleben (OS) für die Behandlung mit Lurbinectedin plus Atezolizumab bei 13,2 Monaten gegenüber 10,6 Monaten für Atezolizumab allein. Ebenfalls ab Randomisierung betrug das durch eine unabhängige Prüfung bewertete mediane progressionsfreie Überleben (PFS) 5,4 Monate gegenüber 2,1 Monaten.
Lurbinectedin ist ein Analogon der marinen Verbindung ET-736, die aus der Seescheide Ecteinascidia turbinata isoliert wurde. Lurbinectedin gehört zur Gruppe der Alkylanzien. Der Wirkstoff hemmt den onkogenen Transkriptionsprozess durch Bindung an CG-reiche DNA-Sequenzen innerhalb von Promotoren proteincodierender Gene, durch die Entfernung von onkogenen Transkriptionsfaktoren von ihren Bindungsstellen und durch das Anhalten der Elongation durch die RNA-Polymerase II sowie den spezifischen Abbau durch das Ubiquitin-/Proteasom-System. Alle diese Prozesse bringen den Zellzyklus zum Stillstand und führen zur Apoptose von Tumorzellen.
Neben seiner Wirkung auf Krebszellen hemmt Lurbinectedin die onkogene Transkription in tumorassoziierten Makrophagen und reguliert so die Produktion von Zytokinen herunter, die für das Wachstum des Tumors unerlässlich sind.
Zepzelca wird über einen Zeitraum von einer Stunde intravenös verabreicht. Die empfohlene Dosis beträgt 3,2 mg/m2 alle 21 Tage bis zur Krankheitsprogression oder bis zu inakzeptabler Toxizität. Die Behandlung darf nur eingeleitet werden, wenn die absolute Neutrophilenzahl mindestens 1,5 x 109/l und die Thrombozytenzahl mindestens 100 x 109/l beträgt. Bei der Gabe von Lurbinectedin und Atezolizumab am selben Tag sollte der Checkpoint-Hemmer zuerst verabreicht werden.
Vor der Infusion von Lurbinectedin erhalten die Patienten zur antiemetischen Prophylaxe ein Corticosteroid (intravenöses Dexamethason 8 mg oder Äquivalent) und einen Serotonin-Antagonisten (intravenöses Ondansetron 8 mg oder Äquivalent). Nach der Behandlung erhalten die Patienten eine Primärprophylaxe mit Granulozyten-Kolonie-stimulierendem Faktor (G-CSF), um das Risiko einer schweren Neutropenie/febrilen Neutropenie zu reduzieren.
Die Fachinformation gibt Empfehlungen zu Behandlungsverzögerungen und zur Dosisanpassung aufgrund von Nebenwirkungen.
Die gleichzeitige Anwendung von Lurbinectedin mit starken oder moderaten CYP3A-Inhibitoren sollte vermieden werden. Wenn dies nicht möglich ist, sollte die Lurbinectedin-Dosis auf 50 Prozent der zugelassenen Dosis reduziert werden. Im Falle von Nebenwirkungen unter der reduzierten Anfangsdosis sind bis zu zwei nachfolgende Dosisreduktionen um jeweils 20 Prozent zulässig. Auch die gleichzeitige Anwendung von starken CYP3A-Induktoren sollte vermieden werden.
Leberwerte, einschließlich ALT, AST und Bilirubin, sollten vor Beginn der Behandlung und währenddessen in regelmäßigen Abständen, wie klinisch indiziert, überwacht werden. Dosisanpassungen können erforderlich sein. Die Fachinformation enthält weitere Warnhinweise zu den Themen Rhabdomyolyse und Tumorlysesyndrom.
Die häufigsten beobachteten Nebenwirkungen sind Übelkeit (38 Prozent), Müdigkeit (34 Prozent), Anämie (34 Prozent), Thrombozytopenie (28 Prozent) und Neutropenie (25 Prozent). Der Einsatz bei schwerer Leber- oder Nierenfunktionsstörung wird nicht empfohlen.
Lurbinectedin kann den Fötus schädigen, wenn es einer schwangeren Frau verabreicht wird. Bei Frauen im gebärfähigen Alter wird vor Beginn der Behandlung ein Schwangerschaftstest empfohlen. Patientinnen im gebärfähigen Alter müssen während der Behandlung und für sieben Monate nach der letzten Dosis eine zuverlässige Verhütungsmethode anwenden. Männliche Patienten mit Partnerinnen im gebärfähigen Alter müssen während der Behandlung und für vier Monate nach der letzten Dosis Kondome verwenden. Partnerinnen im gebärfähigen Alter müssen für denselben Zeitraum eine zuverlässige Verhütungsmethode anwenden.
Lurbinectedin darf während der Schwangerschaft nicht angewendet werden, es sei denn, eine Behandlung ist aufgrund des klinischen Zustandes der Frau erforderlich. In der Stillzeit ist der Wirkstoff kontraindiziert.
Zepzelca ist im Kühlschrank bei 2 bis 8 °C zu lagern.
Das kleinzellige Lungenkarzinom (SCLC) gehört noch immer zu den Tumorerkrankungen, die nicht ausreichend behandelbar sind. Lange dominierte therapeutischer Stillstand. Nun kamen im Juli gleich zwei neue Wirkstoffe auf den deutschen Markt. Nicht nur Tarlatamab für die Zweitlinie, sondern auch Lurbinectedin für die Erstlinien-Erhaltungstherapie im extensiven Stadium des SCLC (ES-SCLC) ist vorläufig als Sprunginnovation zu sehen.
Pharmakologisch betrachtet sorgt Lurbinectedin vielleicht nicht für riesige Aufmerksamkeit. Es gehört zur bekannten Klasse der Alkylanzien. Aber die Zulassungsstudie IMforte zeigte, dass Lurbinectedin in Kombination mit Atezolizumab als Erhaltungstherapie nach erfolgreicher Erstlinienbehandlung sowohl das progressionsfreie als auch das Gesamtüberleben verlängern kann. Die Ergebnisse sind nicht überwältigend, aber selbst moderate Fortschritte von wenigen Monaten haben beim ES-SCLC durchaus Relevanz.
Die positiven Ergebnisse der IMforte-Studie fanden bereits Eingang in die aktuelle S3-Leitlinie zum Lungenkarzinom (Stand: Juni 2026). Darin wird empfohlen, Patienten mit ES-SCLC ohne Progress nach vier Zyklen einer Chemo-Immuntherapie mit Carboplatin, Etoposid und Atezolizumab eine Erhaltungstherapie mit Atezolizumab und Lurbinectedin anzubieten. Experten rechnen damit, dass sich diese Kombination als ein neuer Therapiestandard in der Erstlinien-Erhaltung des ES-SCLC etablieren wird.
Sven Siebenand, Chefredakteur