Telemedizinische Lösungen können insbesondere dort einen Beitrag leisten, wo medizinische Fachkräfte nicht oder nicht in ausreichender Zahl vor Ort zur Verfügung stehen. / © Imago Images/Westend61
Wie Telemedizin, Routinedatenauswertungen und Künstliche Intelligenz dazu beitragen können, die ambulante Versorgung unter Krisen- und Katastrophenbedingungen zu stabilisieren, wurde auf dem Versorgungsforschungskongress des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) am 15. und 16. September in Berlin diskutiert.
Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Versorgungspraxis und Selbstverwaltung diskutierten dort die Einsatzmöglichkeiten und Grenzen digital unterstützter Versorgung sowie die Voraussetzungen für krisenfeste Versorgungsstrukturen, hieß es in einer Mitteilung des Instituts.
Dabei sei deutlich geworden: Telemedizinische Lösungen könnten insbesondere dort einen Beitrag leisten, wo medizinische Fachkräfte nicht oder nicht in ausreichender Zahl vor Ort zur Verfügung stehen. Über digitale Kommunikationswege ließen sich ärztliche Expertise und spezialisierte Beratung auch über größere Entfernungen hinweg einbinden. Im Krisen- und Katastrophenfall könnten solche Verfahren die medizinische Sichtung und Erstversorgung unterstützen, Rettungs- und Einsatzkräfte fachlich begleiten sowie die Koordination zwischen Behandlungsstellen verbessern.
In zahlreichen Projekten hätten telemedizinische Versorgungsangebote ihren Nutzen unter Beweis gestellt, so das Institut weiter. Es fehle jedoch an einer systematischen Verankerung in der Regelversorgung. Weiterhin bestehe ein großes Potenzial insbesondere an asynchroner Telemedizin: Diese Art von medizinischer Kommunikation erfolgt zeitversetzt, das heißt Patientinnen und Patienten übermitteln ihre Symptome digital an Ärztinnen und Ärzten, die diese Daten unabhängig von Zeit und Ort auswerten.
»Auch in Krisen und Katastrophen können telemedizinische Angebote schnell Versorgung stabilisieren und Fachkompetenz an den Ort der Versorgung bringen. So können krisenbedingte Beanspruchungsspitzen oder Beeinträchtigungen regulärer Versorgungsangebote kompensiert werden«, sagte der Zi-Vorstandsvorsitzende Dominik von Stillfried.
Dass beim Aufbau krisenfester Versorgungsstrukturen auch die ambulanten Praxen stärker berücksichtigt werden müssten, würden aktuelle Ergebnisse des Zi-Praxis-Panels (ZiPP) zeigen. Von Ende April bis Ende Juli 2026 wurden knapp 4.000 Praxen zu ihrer Vorbereitung auf unterschiedliche Krisenszenarien befragt. Danach verfügen 82 Prozent der befragten Praxen über keinen Notfallplan für einen Stromausfall, bei einem Ausfall der Telekommunikationssysteme sind es 80 Prozent. Vielen Befragten fehle zudem Klarheit über ihre Rolle, die geltenden Zuständigkeiten und die Kommunikationswege im Katastrophenfall.
Gleichzeitig weist die Befragung laut ZI-Institut auf ein erhebliches Aktivierungspotenzial hin. 65 Prozent der ärztlichen und 75 Prozent der psychotherapeutischen Praxen hätten angegeben, Patientinnen und Patienten mit einem kurzfristig zwingenden Behandlungsbedarf im Krisenfall schnell bestimmen zu können. Von den grundsätzlich zur Unterstützung bereiten Ärztinnen und Ärzten würden 76 Prozent auch an einem anderen, für sie täglich erreichbaren Ort tätig werden. Weitere 21 Prozent würden medizinische Hilfe in größerer Entfernung leisten. Besonders häufig wünschten sich die Befragten Übersichten wichtiger Ansprechpartner, praxisnahe Handlungsempfehlungen und geeignete Checklisten.