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Eppendorfer Dialog

Kontroverse zwischen Ideal und Realitäten

Bewährte Arzneimittelstoffe könnten im Vergleich zu neu zu entwickelnden Medikamenten bei weiteren Indikationen zügig zum Einsatz kommen oder sogar zu neuen Hoffnungsträgern werden. Denn sie sind bereits zugelassen, entsprechend dokumentiert und verfügen über oft lange Anwendungserfahrungen. So das Ideal. Die Realität sieht anders aus – wie der erstmals digitale 25. »Eppendorfer Dialog« zeigte.
Christiane Berg
21.01.2021  17:04 Uhr

»Noch längst ist das Potential, das unser bewährter, sicherer und therapeutisch wertvoller Arzneimittelschatz vorhält, nicht ausgeschöpft«, machte Professor Theo Dingermann bei der Debatte deutlich. Der »Eppendorfer Dialog« zur Gesundheitspolitik findet seit 2006 jährlich statt. Die Moderation übernahm dieses Jahr Professor Achim Jockwig aus Nürnberg.

Als Beispiele für erfolgreiche Repurposing-Strategien nannte Dingermann unter anderem die Weiterentwicklung des Krebsmedikaments Azidothymidin zu einem wichtigen HIV-Therapeutikum, die Neupositionierung von Thalidomid als Lepra- beziehungsweise Krebs-Medikament und die Erfolgsstory des Phosphodiesterase-5(PDE-5)-Hemmers Sildenafil in der Behandlung der erektilen Dysfunktion durch Entdeckung seiner Potentiale in der Therapie der pulmonalen arteriellen Hypertonie.

Verpasste Chancen beklagt

»Es gibt viele Möglichkeiten, alte bewährte Wirkstoffe zu neuen Medikamenten und therapeutischen Innovationen fortzuentwickeln und somit auch wirtschaftliche Vorteile für das Gesundheitssystem zu erschließen«, unterstrich Dr. Norbert Gerbsch, Hohenlockstedt. Diese Fortentwicklung sei jedoch insbesondere mittelständischen Unternehmen durch die in Deutschland praktizierten Erstattungsregulierungen von Arzneimitteln sowie mangelnde Refinanzierungsmöglichkeiten von Forschungsaktivitäten weitgehend versperrt, kritisierte er. Gerbsch sprach nicht nur von verpassten Chancen, sondern mit Blick auf die potenzielle Gefährdung der Arzneimittelversorgung auch von großen Risiken.

Der wirtschaftliche Druck, der auf bewährten patentfreien Wirkstoffen liege, trage zur Verlagerung der Herstellung von Arzneimitteln und Inhaltsstoffen in Weltregionen außerhalb der EU und somit zu gefährlichen Abhängigkeiten der Bundesrepublik unter anderem bei denkbaren Naturkatastrophen oder in politischen Krisensituationen bei. Die Coronavirus-Pandemie habe gezeigt, wie schnell internationale Lieferketten bedroht sein können.

Bereits in den letzten Jahren sei eine erhebliche Zunahme von Lieferengpässen insbesondere bei Arzneimitteln mit patentfreien Wirkstoffen, auf die in Deutschland fast 95 Prozent der Verordnungen entfallen, zu beobachten. Die ABDA bezifferte die Zahl nicht verfügbarer Packungen für Arzneimittel unter Rabattvertrag in 2019 auf 18,2 Millionen Stück. Die Tendenz sei steigend.

Gleichzeitig seien die Erlöse der gesetzlichen Krankenkassen aus Rabattverträgen, in deren Rahmen rund 56 Prozent aller Arzneimittelpackungen abgegeben werden, zwischen 2008 und 2019 von 0,3 auf 4,9 Milliarden Euro gestiegen. Schließlich zeige eine Studie von Pro Generika, dass 2020 nur noch rund ein Drittel der Qualitätszertifikate für die Herstellung von Wirkstoffen in Europa, dagegen nahezu zwei Drittel in Asien gehalten wurden.

Ob Förderung der Chancen zur Fortentwicklung bewährter Arzneistoffe oder Sicherung der Arzneimittel-Versorgung auch in Not-Zeiten: Gerbsch forderte unter anderem die Aussetzung von Festbeträgen und Preismoratorien für Wirkstoffe in neuen Anwendungsgebieten unter Berücksichtigung spezifischer Umsatz- und Absatzschwellen sowie mit Blick auf die Rabattverträge den Erhalt der Anbietervielfalt durch Erteilung der Zuschläge an jeweils drei Hersteller. 

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