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SARS-CoV-2 im Aerosol
Kommt ein Virus geflogen…

Erregerschleuder Klimaanlage

Mittlerweile gibt es aber einige Belege für das Gegenteil. So vollzogen etwa Forscher um Professor Dr. Yuguo Li von der Universität Hongkong eine Übertragungskette von SARS-CoV-2 in einem Restaurant in Guangzhou in China detailliert nach (»MedRxiv«, DOI: 10.1101/2020.04.16.20067728). Ausgehend von einem wahrscheinlichen Indexpatienten, der am selben Tag erste Covid-19-Symptome entwickelt hatte, hatten sich an drei benachbarten Tischen neun Personen angesteckt, allerdings keiner der Kellner oder anderen 68 Gäste in dem voll besetzten Restaurant. Die anderen Infizierten hatten keinen engen Kontakt zu dem Indexpatienten gehabt und maximal 4,6 Meter entfernt gesessen – entlang des Luftstroms der Klimaanlage. Eine Übertragung per Aerosol in schlecht belüfteten Räumen könne die Verbreitung von SARS-CoV-2 in der Bevölkerung mit erklären, lautete das Fazit der Autoren.

Diese Auffassung teilt Professor Dr. Christian Drosten von der Berliner Charité. In seinem Podcast auf »NDR Info« sagte er am 12. Mai 2020: »Fast die Hälfte der Übertragung ist Aerosol, fast die andere Hälfte der Übertragung ist Tröpfchen und vielleicht 10 Prozent der Übertragung ist Schmierinfektion oder Kontaktinfektion.« Zu dieser Einschätzung sei er aufgrund der Studie aus China und anderer Untersuchungen gelangt, erklärte der Virologe. Vor diesem Hintergrund seien die Ermahnung der Bevölkerung zum häufigen Händewaschen und das Desinfizieren von Oberflächen aus seiner Sicht »total übertrieben«.

Dagegen äußerte er sich sehr kritisch zur anstehenden Öffnung von Restaurants: »Wenn die Leute dicht an dicht in einem Raum sitzen, halte ich das auch für gefährlich.« Er empfahl, dass Restaurants lieber draußen statt drinnen ihre Gäste bewirten sollten, da potenziell virusbelastetes Aerosol im Freien wegwehe. Wo keine Außenbewirtung möglich sei, sollten die Fenster geöffnet und Abstandsregeln strikt eingehalten werden.

Superemitter und Superspreader

Wie wichtig eine gute Durchlüftung ist, unterstreicht eine Arbeit von Forschern der US-Gesundheitsbehörde NIH, die aktuell im Fachjournal »PNAS« erschien (DOI: 10.1073/pnas.2006874117). Die Wissenschaftler um Dr. Valentyn Stadnytskyi hatten untersucht, wie lange beim Sprechen freigesetzte Aerosolpartikel, die sie mithilfe von hochempfindlicher Laserlichtstreuung sichtbar machten, in der Luft verbleiben. Das Ergebnis lautete: 8 bis 14 Minuten. Da beim Sprechen tausende solcher Partikel entstünden, bestehe eine »beträchtliche Wahrscheinlichkeit«, dass bei einem Gespräch in geschlossenen Räumen eine Übertragung von SARS-CoV-2 durch die Luft stattfinden könne, schreiben die Forscher.

Die Lautstärke ist dabei offenbar auch nicht unerheblich. Das wies ein Team um Sima Asadi von der University of California Davis bereits zu einem Zeitpunkt nach, als von Covid-19 noch keine Rede war. Im vergangenen Jahr publizierten die Forscher in »Scientific Reports« die Ergebnisse mehrerer Messreihen mit einem Aerodynamic Particle Sizer, einem speziellen Spektrometer zur Größen- und Mengenbestimmung von Teilchen in der Luft (DOI: 10.1038/s41598-019-38808-z). Ihre Hauptaussagen: Je lauter ein Mensch spricht, desto mehr Partikel stößt er aus. Unabhängig von der gesprochenen Sprache ist dabei zu beobachten, dass einige Menschen in allen Lautstärken mehr Teilchen absondern als andere – und zwar um Größenordnungen mehr.

Asadi und Kollegen bezeichnen diese Menschen als Superemitter. Eine mögliche Assoziation zum Begriff des Superspreaders ist dabei gewollt: Die Autoren vermuten, dass es gerade diese Superemitter sind, die als Superspreader bei Ausbrüchen von luftübertragenen Krankheiten deutlich mehr andere Menschen anstecken als der Durchschnitt.

Anfang dieses Jahres legte dasselbe Forscherteam im Fachjournal »PLOS one« mit einer weiteren Studie nach (DOI: 10.1371/journal.pone.0227699). Gegenstand der Untersuchung war dieses Mal der Einfluss verschiedener Vokale und der Artikulation auf den Partikelausstoß beim Sprechen. Die Autoren konnten zeigen, dass etwa der Vokal »i« partikelträchtiger ist als ein »u« oder ein englisches »ɑ« (wie in »saw« oder »hot«) und stimmhafte Konsonanten wie »d«, »b« oder »g« mehr als stimmlose (»s«, »h«, »f«) den Aerosolausstoß anregen.

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