Pharmazeutische Zeitung online
Charité-Studie

Kinder tatsächlich genauso ansteckend wie Erwachsene

»Diese Zahlen sehen erst einmal unterschiedlich aus, wir betrachten Viruslasten aber auf einer logarithmischen Skala«, erklärt Drosten in einer begleitenden Pressemitteilung der Charité. »Die Viruslast-Unterschiede bei den jüngsten Kindern liegen gerade noch unterhalb der Grenze dessen, was man als klinisch relevant betrachten würde. Darüber hinaus muss man verstehen, wie die Werte zustande kommen, und dies korrigierend mit einbeziehen.« Bei Kindern würden deutlich kleinere Abstrichtupfer eingesetzt, die weniger als halb so viel Probenmaterial in die PCR-Testung einbrächten. Außerdem verzichte man bei ihnen auf die schmerzhaften tiefen Nasenrachen-Abstriche und mache stattdessen oft nur einfache Rachenabstriche, in denen sich noch einmal weniger Virus finde. »Deshalb erwarten wir bei Kindern mit gleicher Virusvermehrung von vorn herein geringere Viruslast-Messwerte in der PCR«, verdeutlichte Drosten.

Zum Zeitpunkt der höchsten Ansteckungsfähigkeit betrug die geschätzte Infektiosität der Kinder zwischen null und fünf Jahren 78 Prozent des Wertes von Erwachsenen. Auch hier näherten sich Schüler und Heranwachsende mit steigendem Alter den Erwachsenen an. »Das verdeutlicht, dass man Viruslasten nicht einfach proportional in Infektiosität umrechnen kann«, so Drosten. Auch diese datenbasierten Schätzungen der Infektiosität müsse man noch leicht nach oben korrigieren wegen der unterschiedlichen Probennahme bei Kindern. »All dies fließt in eine klinisch-virologische Bewertung ein. Mein anfänglicher Eindruck einer ungefähr gleich großen Infektiosität aller Altersgruppen hat sich bestätigt, nicht nur hier, sondern auch in anderen Studien«, fasst Drosten zusammen.

Jeder elfte Infizierte mit auffallend hoher Viruslast

Auch weitere Ergebnisse der Studie bestätigen frühere Beobachtungen. So war zwar bei SARS-CoV-2-Infizierten, die aufgrund von Covid-19 ins Krankenhaus aufgenommen werden mussten, im Durchschnitt über den gesamten Krankheitsverlauf mehr Virus im Rachen nachweisbar als bei anderen Getesteten. Die Viruslasten waren jedoch unabhängig von der Symptomschwere sehr unterschiedlich hoch: Etwa 9 Prozent der Untersuchten fielen durch eine außergewöhnlich hohe Viruslast von einer Milliarde Erbgutkopien oder mehr auf. Mehr als ein Drittel dieser potenziell hochinfektiösen Personen hatte keine oder nur milde Symptome.

»Diese Daten liefern eine virologische Grundlage für die Beobachtung, dass nur eine Minderheit der Infizierten den größten Teil aller Übertragungen verursacht«, erklärt Drosten. »Dass sich hierunter so viele Menschen ohne relevante Krankheitssymptome finden, macht klar, warum Maßnahmen wie Abstandsregeln und die Maskenpflicht für die Kontrolle der Pandemie so wichtig sind.« Hierfür spricht auch ein weiteres Ergebnis der Studie: Anhand ihrer neuen Verlaufsmodelle schätzen die Forscher, dass alle SARS-CoV-2-Infizierten schon ein bis drei Tage vor Symptombeginn die höchste Viruslast im Rachen haben.

1500 Teilnehmer der Studie waren mit der britischen Coronavirus-Variante B.1.1.7 infiziert. Deren Viruslast war im Schnitt zehnfach höher als die von Personen, die mit dem SARS-CoV-2-Wildtyp infiziert waren. B.1.1.7-Infizierte waren laut Schätzung der Forscher somit 2,6-fach so ansteckend wie andere Infizierte. »Auch wenn Laborversuche es bisher noch nicht abschließend erklären können: Das B.1.1.7-Virus ist infektiöser als andere Varianten«, konstatiert Drosten.

Seite<12
Seite<12

Mehr von Avoxa