Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

Chatbot statt Therapie
-
KI bei Depressionen – Hilfe oder Risiko?

Immer öfter ist KI die erste Anlaufstelle für Menschen mit psychischen Belastungen. Doch die Technologie hat ihre Grenzen. Fachleute warnen insbesondere bei Depressionen vor einer gefährlichen Überschätzung digitaler Systeme.
AutorKontaktPZ
AutorKontaktdpa
Datum 30.04.2026  12:30 Uhr
KI bei Depressionen – Hilfe oder Risiko?

Bei Stress, Liebeskummer oder anderen seelischen Belastungen wenden sich viele junge Menschen inzwischen an Künstliche Intelligenz. Wie aus einer neuen repräsentativen Befragung der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention in Leipzig hervorgeht, haben rund zwei Drittel (65 Prozent) der 16- bis 39-Jährigen schon einmal mit KI-Chatbots über psychische Probleme gesprochen. Dabei gehe es oft um Alltagsbelastungen wie Stress oder Liebeskummer – nicht unbedingt um eine diagnostizierte Depression.

Noch höher ist der Anteil unter Befragten, die angaben, sich aktuell in einer depressiven Phase zu befinden (76 Prozent). Am häufigsten nutzen die Befragten dabei bekannte Systeme wie ChatGPT (77 Prozent), gefolgt von Gemini (14 Prozent) und Microsoft Copilot (4 Prozent).

Doch bei Menschen mit einer diagnostizierten Depression spielt KI ebenfalls eine Rolle: Mehr als ein Drittel (35 Prozent) der Betroffenen gibt an, mit Chatbots über die eigene Erkrankung zu sprechen. Häufig geht es dabei darum, einfach über Probleme zu sprechen oder sich Zuspruch zu holen. Mehr als die Hälfte nennt als Grund, überhaupt jemanden zum Reden zu haben (56 Prozent). 46 Prozent hoffen, die Erkrankung selbst besser in den Griff zu bekommen, 40 Prozent informieren sich über Therapie- und Behandlungsmöglichkeiten.

Anonym – und jederzeit da

Der Reiz, KI-Chatbots zu nutzen, liegt vor allem in ihrer einfachen Verfügbarkeit: Sie sind anonym, jederzeit erreichbar und ohne Wartezeit nutzbar. Für viele sind sie deshalb eine erste Anlaufstelle, wenn es um persönliche Probleme geht. Ein Großteil der Nutzer beschreibt die Gespräche als hilfreich und unterstützend.

Gleichzeitig berichten viele, dass sie sich verstanden fühlen oder sich leichter öffnen können. Rund drei Viertel der Nutzer (75 Prozent) haben nach eigenen Angaben innerhalb der vergangenen 30 Tage mit einem Chatbot über ihre Probleme gesprochen.

Ein Teil nutzt die Programme dabei intensiver: Rund ein Viertel (26 Prozent) führt längere Gespräche oder spricht mit der KI ähnlich wie mit einem persönlichen Gegenüber. Fachleute sehen in der Entwicklung sowohl Chancen als auch Risiken. »Die Art, über psychische Probleme zu kommunizieren, hat sich bei jungen Menschen in den vergangenen Jahren deutlich in die digitalen Räume verlagert«, sagt der Psychiater Malek Bajbouj von der Berliner Charité.

Solche Systeme könnten helfen, Versorgungslücken zu überbrücken. »KI-basierte Systeme – evidenz-basiert, menschlich geleitet und gezielt eingesetzt – haben das große Potenzial, Barrieren abzubauen, Wartezeiten zu verkürzen und mehr Prävention zu ermöglichen«, so Bajbouj.

Gleichzeitig warnt er vor Fehlentwicklungen: »Umgekehrt bergen KI Systeme die Gefahr der Scheinbehandlungen: anstatt professionelle Hilfe zu suchen, bleiben Menschen in Systemen gefangen, die entweder wirkungslos sind oder sogar schädlich sind.«

Mehr von Avoxa