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Betablocker
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Keiner ist wie der andere

Skepsis, Unverständnis und mangelnde Therapietreue sind bei Patienten unter Betablocker-Therapie nicht selten. In der Beratung und vor allem bei einer Medikationsanalyse kann das Apothekenteam über den Nutzen und sachgemäßen Umgang sowie potenzielle Neben- und Wechselwirkungen sprechen.
AutorKontaktKai Girwert
Datum 14.09.2023  11:00 Uhr

Betablocker gehören zu den verordnungsstärksten Arzneimittelklassen und werden in zahlreichen Indikationen eingesetzt. Dazu zählt der große Komplex kardiovaskulärer Erkrankungen mit Bluthochdruck, Vorhofflimmern, chronischem Koronarsyndrom (koronare Herzkrankheit, KHK) und Herzinsuffizienz. Nicht weniger wichtig ist ihr Einsatz in »kleineren« Indika­tionen wie Glaukom, Migräne oder ­Tremor.

Betablocker (auch β-Adrenozeptor-Antagonisten oder β-Rezeptorenblocker) hemmen kompetitiv β-Adrenozepto­ren, von denen pharmakothera­peutisch vor allem die β1- und β2-Rezeptoren relevant sind. Die Beta­blocker wirken den Katecholaminen Adrenalin und Noradrenalin entgegen und zeigen damit an zahlreichen Organ­systemen ihre Wirkung. Sie dämpfen die sogenannte sympathische Aktivi­tät, ökonomisieren die Herz­arbeit über β1-Rezeptoren und führen an β2-Rezeptoren zu einer Erschlaffung der glatten Muskulatur. ­Zugleich werden die Stoffwechselprozesse Glykogenolyse und Lipolyse gebremst und die Renin-Ausschüttung über die Niere vermindert. Die renale Wirkung wird mit der Blutdrucksenkung in Verbindung gebracht.

Es begann mit Propranolol

Die Entwicklung der Betablocker startete in den 1960er-Jahren mit dem ­heute noch genutzten, nicht selektiv ­blockierenden Propranolol. Nachdem die β1-Rezeptoren als weitestgehend kardiospezifisch (Kasten) und die β2-Rezeptoren als gefäß- und broncho­spezifisch identifiziert wurden, versuchte man, das Wirkspektrum der Substanzklasse neu auszurichten. Es wurden Wirkstoffe mit unterschied­lichem Wirkprofil synthetisiert:

  • mit hoher β1-Selektivität (Beispiele: Metoprolol, Bisoprolol),
  • gefäßerweiternden Effekten über α1-Blockade (Carvedilol),
  • mit partiell agonistischer Aktivität (PAA, auch intrinsische sympatho­mimetische Aktivität, ISA, genannt)
    an β2-Rezeptoren der Gefäße (Celiprolol) und
  • mit gefäßerweiternder Wirkung durch Stickstoffmonoxid-(NO-) Freisetzung (Nebivolol).

Nebivolol und Carvedilol erreichen eine Gefäßerweiterung über unterschied­liche Wirkmechanismen. Sie führen in bestimmten Indikationen (KHK und Herzinsuffizienz) zu einem belegten Nutzen in Hinblick auf Mortalität und Hospitalisierung. Dies zeigten große Endpunktstudien wie CAPRICORN, COPERNICUS und SENIORS.

Aber nicht für jede der pharmakologischen Variationen ist ein Patientennutzen belegt. Besonders die ISA gilt inzwischen als nachteilig. Durch partielle Aktivierung an β1-Rezeptoren wird die Herzfrequenz weniger gedämpft und damit sinkt die Gefahr einer schwerwiegenden Bradykardie. Zugleich nimmt durch den Agonismus an β2-Rezeptoren der Bronchial- und Gefäßwiderstand kaum zu. Trotz dieser scheinbar positiven Eigenschaften gilt inzwischen, dass besonders bei Patienten mit KHK und Herzinsuffizienz Betablocker ohne ISA zu verwenden sind (Nationale Versorgungsleitlinie; NVL, Chronische KHK; Stand September 2022; DOI: 10.6101/AZQ/000491).

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