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Bundesregierung

Keine Opioidkrise in Deutschland

Eine Opioidkrise, wie sie derzeit die USA erschüttert, ist in Deutschland nicht zu erwarten. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hervor.
Christina Müller
13.12.2019  14:34 Uhr

Opioide verursachen in den Vereinigten Staaten etwa 170 Todesfälle pro Tag, schreibt der drogenpolitische Sprecher der Linken-Bundestagsfraktion, Niema Movassat, in der Vorbemerkung zu der Kleinen Anfrage, die er federführend für seine Partei vorgelegt hatte. Darin erkundigt er sich bei der Bundesregierung unter anderem nach der Wahrscheinlichkeit dafür, dass Deutschland eine vergleichbare Epidemie heimsuchen könnte.

»Die Bundesregierung verfolgt die Entwicklung der sogenannten Opioidkrise in Nordamerika aufmerksam«, heißt es in der Antwort. Die USA hätten es zu einem Qualitätskriterium der Versorgung erhoben, durch den Einsatz von Opioiden völlige Schmerzfreiheit allein medikamentös zu erreichen – ein »wissenschaftlich und medizinisch fragwürdiges Vorgehen«. Gleichzeitig sei ein stark wirtschaftsorientiertes Marketing der pharmazeutischen Unternehmen zu beobachten gewesen, das auch Verordnungsanreize für Ärzte und Lockmittel für Patienten wie Rabattcoupons bei Behandlungseinstieg umfasst habe. »Dies hat in den USA zu einer zunehmenden Verschreibungshäufigkeit beziehungsweise Verstetigung der Verschreibung von opioidhaltigen Arzneimitteln beigetragen.«

In Deutschland gelten jedoch sehr viel strengere Spielregeln für den Betäubungsmittelmarkt, betont die Regierung. Das hierzulande geltende Recht erlaube zum Beispiel keine Publikumswerbung für solche Arzneien. »Dieser regulatorische Ansatz geht einher mit einer stark an wissenschaftlich konsentierten Leitlinien ausgerichteten ärztlichen Behandlungspraxis.« Zudem dürften Mediziner Betäubungsmittel nur dann verordnen, wenn der beabsichtigte Zweck nicht auf andere Weise erreicht werden kann.

Im Jahr 2018 verzeichnete die Kassenärztliche Bundesvereinigung laut Regierung insgesamt knapp 16,5 Millionen Opioidverordnungen zulasten der Gesetzlichen Krankenversicherung – ein Plus von rund 1,4 Millionen im Vergleich zum Jahr 2010 (etwa 15,1 Millionen). Der Anteil an Langzeitbehandlungen, also über mindestens drei Quartale hinweg, blieb demnach relativ konstant bei 35 Prozent. Am häufigsten kam mit mehr als 5,4 Millionen Verordnungen (167,8 Millionen definierte Tagesdosen DDD) Tilidin zum Einsatz. Platz zwei belegt Tramadol mit knapp 2,8 Millionen Verordnungen (65,3 Millionen DDD), gefolgt von Fentanyl mit 1,9 Millionen Verordnungen (57,1 Millionen DDD).

Wichtiger Baustein

»Der Einsatz von Opioidanalgetika ist in der Behandlung starker und chronischer Schmerzen ein wichtiger Baustein«, unterstreicht der Bund. Bei der Zulassung müsse sich jeder Wirkstoff einer Nutzen-Risiko-Abwägung stellen, in die bei Opioiden auch Überlegungen zum Suchtrisiko einfließen. »Insbesondere bei nicht sach- und indikationsgemäßer Anwendung haben Opioidanalgetika ein sehr hohes Suchtpotenzial, das grundsätzlich allen Opioiden innewohnt.« Daher sei eine korrekte Indikationsstellung sowie die umfassende Aufklärung der Patienten zur Anwendung der Medikamente nötig.

Mit Blick auf die Verordnungszahlen, die strengen Vorgaben für den Verkehr mit Betäubungsmitteln sowie das vorhandene Bewusstsein der Ärzte für die Risiken beim Einsatz von Opioiden hält die Regierung es für unwahrscheinlich, dass sich hierzulande ähnliche Szenarien anbahnen wie in den USA. »Nach alledem deutet die Betrachtung der Gesamtsituation in Deutschland aus Sicht der Bundesregierung nicht auf eine aktuell drohende oder sich für die absehbare Zukunft abzeichnende Problematik durch unangemessene ärztliche Verschreibungen von Opioiden hin.«

Linken-Politiker Movassat wägt ab: »Es ist ein Stück weit eine Gratwanderung, einerseits das Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial der Opioide behutsam zu berücksichtigen, und andererseits Schmerzpatienten die notwendige Schmerztherapie nicht vorzuenthalten. In den USA ist dies gründlich schiefgegangen.« Er warnt davor, wirtschaftlichen Interessen im Gesundheitswesen zu viel Raum zu geben. »Auch wenn in Deutschland die Verschreibung von Opioiden viel stärker reglementiert ist, mit der fortschreitenden Ökonomisierung des Gesundheitssystems steigt die Gefahr, dass Profitinteressen der Pharmaindustrie zulasten der Interessen von Patienten weiter in den Vordergrund rücken.«

 

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