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Rudolf Virchow

Kämpfer für die Sozialmedizin

Wie sehr Medizin und Politik verzahnt sind, zeigt die Corona-Pandemie. Diese Verknüpfung erkannte bereits Rudolf Virchow, der sich auf beiden Gebieten engagierte. 2021 jährt sich sein Geburtstag zum 200. Mal.
Hannelore Gießen
12.04.2021  07:00 Uhr

Aus einfachen Verhältnissen stammend, blieb Rudolf Virchow (1821 bis 1902) für seinen Traum vom Arztberuf nur der Weg über das Militär: Über ein Förderstipendium absolvierte er an der preußischen Ausbildungsanstalt das Medizinstudium. Als junger Arzt wird der 27-jährige Rudolf Virchow von der preußischen Regierung nach Oberschlesien geschickt, wo eine verheerende Typhusepidemie wütet.

Sorgfältig dokumentiert Virchow alle Erkrankungen und Todesfälle und erkennt als wesentliche Ursache für die ungebremste Ausbreitung der Infektionen Armut, mangelhafte Ernährung und die Unterdrückung der Bevölkerung. Deutlich kritisiert er die Politik, die als Ursache der Epidemie lieber schlechte Luft oder verarmte Böden als repressive Lebensbedingungen gesehen hätte. Virchows Beobachtungen prägen seinen weiteren Weg. Nachdem er auf eigenen Wunsch aus dem militärärztlichen Dienst ausgeschieden war, habilitierte er sich und erhielt 1847 einen Lehrstuhl für Pathologie in Würzburg. Zehn Jahre später wechselte er nach Berlin.

Zellpathologe und Gesellschaftskritiker

Virchow widmet sich in seiner Forschung der kleinsten Einheit eines Organismus, der Zelle. Von der noch immer populären Vier-Säfte-Lehre der Antike und der darauf basierenden Humoralpathologie distanziert er sich deutlich und erweist sich immer stärker als ein Vordenker der naturwissenschaftlichen Medizin. In dem Satz »Jede Zelle kommt aus einer Zelle« fasst er sein medizinisch-biologisches Konzept einer Zellularpathologie zusammen. Nach diesem Verständnis beruhen Erkrankungen auf Störungen der einzelnen Zellen oder ihrer Funktionen.

Neben der Zellularpathologie ist es die Sozialmedizin, die auf Rudolf Virchow zurückgeht. Der Zusammenhang von Gesundheit und Gesellschaft prägt immer stärker seinen Blick, und er wird neben dem Arzt auch zum Politiker. 1848 schließt er sich der Märzrevolution an und blockiert damit zunächst seine Karriere. Als Mitglied der Berliner Stadtverordnetenversammlung etabliert er jedoch Hygienemaßnahmen in den Berliner Schlachthöfen und Markthallen sowie eine Abwasserentsorgung für die expandierende Großstadt.

In Berlin lässt Virchow Krankenhäuser unter kommunaler Leitung einrichten, beispielweise in Friedrichshain und Moabit. Auch Parks und Kinderspielplätze sollen zur Gesundheit der Bürger beitragen. Der engagierte Arzt und Politiker sorgt für eine Professionalisierung der Krankenpflege sowie eine strukturierte Ausbildung an Krankenpflegeschulen, die an die großen Krankenhäuser angegliedert werden.

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