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Target gefunden

Japanisches Medikament könnte gegen SARS-CoV-2 wirken

Mit Hochdruck wird an der Entwicklung von Medikamenten geforscht, die bei einer Covid-19-Erkrankung eingesetzt werden könnten. Deutsche Forscher haben ein potenzielles Target beim neuen Coronavirus entdeckt, gegen das es in Japan sogar bereits einen zugelassenen Arzneistoff gibt.
Theo Dingermann
06.03.2020
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Erst gestern hatte das RKI über die Entwicklung von Wirkstoffen gegen Coronavirus berichtet, die bald hier einsetzbar sein könnten. In unserer Auflistung fehlt ein Wirkstoffkandidat, den Wissenschaftler des Deutschen Primatenzentrum (DPZ) in Göttingen beschreiben, nachdem sie sehr detailliert das Eindringen des SARS-CoV-2-Virus in die Zelle studiert hatten. Seit Anfang Februar weiß man, dass SARS-CoV-2 genau wie der SARS-Erreger der Pandemie 2002 (SARS-CoV) den menschlichen ACE2-Rezeptor ansteuert, um sich so Zugang zu den Zellen zu verschaffen, in denen es sich vermehren kann. Das legte bereits die hohe strukturelle Ähnlichkeit der Spike-(S)-Proteine nahe, die so typisch für Coronaviren sind und die letztlich dazu dienen, an die ACE2-Rezeptoren anzudocken.

Wissenschaftler der University of Texas in Austin hatten daraufhin gezeigt, dass das SARS-CoV-2-S-Protein ein trimeres Fusionsprotein der Klasse I ist, das in einer metastabilen Präfusionskonformation existiert, die eine dramatische strukturelle Umordnung erfährt, um die Virusmembran mit der Wirtszellmembran zu verschmelzen. Dieser Prozess wird ausgelöst, wenn die S1-Untereinheit an einen Wirtszell-Rezeptor bindet. Dann klappt das Spike-Protein gewissermaßen auf und bringt sich so in eine für den Zellrezeptor passende Form. Durch diesen Mechanismus unterscheiden sich die Spike-Proteine von SARS-CoV-2 und SARS-CoV trotz der hohen Strukturähnlichkeit fundamental. Dies scheint auch der Grund dafür zu sein, dass bestimmte Antikörper, die an das S-Protein von SARS-CoV binden, das SARS-CoV-2-S-Protein nicht erkennen.

Die Göttinger Wissenschaftler vom Deutschen Primatenzentrum konnten nun in Zusammenarbeit mit Kollegen an der Charité Berlin, zeigen, dass SARS-CoV-2 für diese Aktivierung ein Protein der Wirtszelle nutzt: Die zelluläre Protease TMPRSS2. Das teilten sie in einer Pressemitteilung mit. Die Resultate dieser Arbeit sollen nun zeitnah im Fachjournal »Cell« publiziert werden.

»Unsere Ergebnisse zeigen, dass SARS-CoV-2 die im menschlichen Körper vorhandene Protease TMPRSS2 benötigt, um in die Wirtszelle einzudringen«, sagt Professor Dr. Stefan Pöhlmann, Leiter der Abteilung Infektionsbiologie am Deutschen Primatenzentrum. »Damit haben wir einen Ansatzpunkt zur Bekämpfung des Virus gefunden.«

Das Spannende an dieser Entdeckung ist, dass es bereits ein zugelassenes Medikament gibt, das diese Protease hemmt. Dies ist TMPRSS2-Inhibitor Camostatmesilat, der in Japan bei Entzündungen der Bauchspeicheldrüse eingesetzt wird.

»Wir haben SARS-CoV-2 aus einem Patienten getestet und festgestellt, dass Camostatmesilat das Eindringen des Virus in Lungenzellen blockiert«, sagt Dr. Markus Hoffmann, der Erstautor der Studie. »Unsere Ergebnisse legen nahe, dass Camostatmesilat auch vor der Krankheit COVID-19 schützen könnte. Dies sollte im Rahmen von klinischen Studien untersucht werden.«

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