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Zwischen Hoffnung und Humbug

18.11.2002
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Probiotika

Zwischen Hoffnung und Humbug

von Tilmann Laun, Lorsch, Florian Läpple, Heppenheim, und Beate Ptok, Heidelberg

Unter dem Begriff Probiotika firmieren heute zahlreiche Mikroorganismen, die alle für sich in Anspruch nehmen, bei dieser oder jener Erkrankung Heilung zu bringen. Viele der Wundermittel sind nicht als Arzneimittel zugelassen, sondern gehören zu den Nahrungsergänzungsmitteln. Neben vielen Scharlatanen gibt es auch das ein oder andere gut geprüfte Produkt. Neuere Studien zeigen, dass sich der berühmte zweite Blick lohnt.

Das Wissen um den Einfluss der Ernährung auf die Verdauung und damit auf Lebensqualität und -erwartung des Menschen ist keine Erkenntnis der modernen Medizin. Bereits bei Hippokrates findet sich der Hinweis: „Der Tod sitzt in den Gedärmen, eine schlechte Verdauung ist die Wurzel allen Übels."

Vor mehr als 100 Jahren postulierte Metchnikoff, dass die falsche Zusammensetzung der Darmflora einen schädlichen Einfluss auf das allgemeine Wohlbefinden habe (1). Er empfahl sogar eine partielle Entfernung des Dickdarms, um eine bessere Lebensqualität und ein langes, gesundes Leben zu erreichen. Eine eher praktikable Variante propagierte die regelmäßige Einnahme fermentierter Milch, um diesem Ziel näher zu kommen.

Im späten 20. Jahrhundert entstand zunächst die Idee, durch bestimmte Mikroorganismen die Zusammensetzung und Entwicklung der Darmflora positiv zu beeinflussen. Auch die Definition von Probiotika und die an diese gestellten Anforderungen entwickelten sich weiter.

Fuller bezeichnet Probiotika 1991 als lebende Mikroorganismen, die in der Regel der Nahrung beigefügt werden und eine gesundheitsfördernde Wirkung haben (2).

Diese sehr allgemein gehaltene Definition, in deren Kern die "gesundheitsfördernde" Wirkung steht, ist wissenschaftlich nur unzureichend greifbar und zollt zum einen den unterschiedlichen Mikroorganismen, zum anderen der Vielfalt der postulierten Wirkungen Tribut. Deren Spektrum umfasst nahezu alle wichtigen Indikationsgebiete der modernen Medizin; die Therapie der Hypertonie und Hypercholesterolämie wird dabei ebenso beansprucht wie tumorsuppressive und immunstimulierende Effekte. Dass es bei derart weit gefassten "Indikationsgebieten" und "Wirkstoffen" aus unterschiedlichen Arten und Gattungen der Mikroorganismen nicht möglich ist, die Wirksamkeit in einer für Arzneimittel adäquaten Form pauschal zu belegen, liegt auf der Hand.

Tierversuche bahnen den Weg

Tierversuche, wenn auch nicht im herkömmlichen Sinn der medizinischen Forschung, rückten Mitte des letzten Jahrhunderts Probiotika zunehmend in den Fokus des Interesses. Durch den vermehrten Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung musste man auch Nebenwirkungen wie Diarrhö und die häufige Besiedelung gerade von Geflügel mit Antibiotika-resistenten Salmonellen in den Griff bekommen.

Eine der bedeutendsten Arbeiten auf diesem Gebiet stammt von Nurmi und Rantala (3). Sie zeigten, dass die orale Gabe einer Stuhlaufschwemmung, gewonnen aus den Exkrementen gesunder erwachsener Hühner, neugeborene Küken vor einer Salmonellenbesiedelung schützen konnte. Seitdem versucht man zu klären, welche Mikroorganismen dafür verantwortlich sind. Für verschiedene Lactobazillen, aber auch andere grampositive Milchsäurebildner wurde nach Isolation und Charakterisierung gezeigt, dass diese bei oraler Gabe den Organismus bis zu einer Belastung von 104 Salmonellen vor einer Infektion schützen können.

Als Wirkmechanismen werden neben der Konkurrenz um Nährstoffe auch die Bildung verschiedener Bakterizide, eine pH-Veränderung im Darmlumen und eine mögliche Konkurrenz um bestimmte Rezeptoren an der Darmwand diskutiert. Da die Wirkung bereits nach wenigen Stunden einsetzt, spricht Vieles für eine Konkurrenz um Rezeptorbindungsstellen.

Der genaue Wirkungsmechanismus der probiotischen Mikroorganismen im menschlichen Darm ist auf molekularer Ebene bislang nur ungenügend untersucht. Tierexperimente und In-vitro-Studien deuten darauf hin, dass auch immunologische Prozesse eine Rolle spielen könnten (4, 5).

Probiotika beim Menschen

Der Einsatz probiotisch wirkender Mikroorganismen beim Menschen wurde von Metchnikoff als einem der Ersten propagiert. Hier kamen undefinierte Mischungen verschiedener Kulturen zum Einsatz, so dass es nur schwer möglich war, die eigentlichen "Wohltäter" ausfindig zu machen.

Anfang des 20. Jahrhunderts ging der Freiburger Hygieneprofessor Alfred Nissle einen Schritt weiter zur definierten Wirksubstanz. Er isolierte aus dem Stuhl eines "darmgesunden" Soldaten einen apathogenen Escherichia-coli-Stamm, der später unter dem Warenzeichen Mutaflor® in den Handel kam. Es folgten weitere E.-coli-Stämme, die bereits aus den Tierexperimenten bekannten Lactobazillen, Bifidobakterien, die 1953 von Lychee-Früchten in Indochina isolierte apathogene Hefe Saccharomyces boulardii und viele mehr.

Bei der flächendeckenden Einführung von Probiotika in unser tägliches Leben hat die Lebensmittelindustrie eine Vorreiterrolle übernommen - und damit, gleichermaßen als Nebeneffekt, einen Pool an Daten zu deren Sicherheit und Unbedenklichkeit geschaffen, auf den wir heute bei der Beurteilung der Mikroorganismen zurückgreifen können.

Ein Blick in die Regale der Supermärkte zeigt, dass es kaum noch fermentierte Milchprodukte gibt, die nicht wegen der "gesundheitsfördernden" Wirkung der enthaltenen probiotischen Kulturen beworben werden. Dabei gehen die Werbetexter bis an die Grenzen des im Lebensmittel- und Bedarfsgegenstände-Gesetz (LMBG) Erlaubten. Die so beworbenen Artikel rücken für den Verbraucher in Richtung einer Kombination aus Nahrungsmittel und arzneilich wirkendem Produkt, neudeutsch "Nutraceuticals" genannt. Eine Kollision mit dem Arzneimittelgesetz scheint programmiert.

 

Tabelle 1: In der Lebensmittelherstellung eingesetzte Mikroorganismen

OrganismusZur Herstellung folgender Produkte eingesetzt Lactobacillus
Lactococcus
Leuconostoc
Pediococcus Brot- und Backwaren, Milch und Milcherzeugnisse, Rohwurst, Sauerkraut, Sauergemüse Acetobacter
Aspergillus
Lactobacillus
Pediococcus Essig-, Milch- und Zitronensäure Saccharomyces cerevisiae Alkoholhaltige Getränke

 

Einen Überblick zu den in der Lebensmittelherstellung eingesetzten Mikroorganismen und den daraus gewonnenen Produkten gibt Tabelle 1. Besondere Beachtung verdienen dabei die bei der Fermentation von Milch eingesetzten Keime. Eine ganze Reihe dieser Kulturen findet auch als Probiotika Anwendung (siehe Kasten).

 

Mikroorganismen zur Fermentation von Milchprodukten Lactobacillus acidophilus
L. casei
L. delbrueckii
L. helveticus
L. lactis
L. casei actimell
L. acidophilus LC Stamm1

Lactococcus lactis

Leuconostoc lactis

Streptococcus thermophilus

 

Zwischen Lebens- und Arzneimittel

Immunstimulierender Joghurt und Stress abbauende Energy-Drinks neben Kapseln zur Behandlung von Durchfall: Wo verläuft die Grenze zwischen Lebens-/Nahrungsergänzungs- und Arzneimitteln? Bei der Beurteilung hilft ein Blick ins LMBG (siehe Kasten).

 

Definitionen im LMBGParagraph 1

(1) Lebensmittel im Sinne dieses Gesetzes sind Stoffe, die dazu bestimmt sind, in unverändertem, zubereitetem oder verarbeitetem Zustand von Menschen verzehrt zu werden; ausgenommen sind Stoffe, die überwiegend dazu bestimmt sind, zu anderen Zwecken als zur Ernährung oder zum Genuss verzehrt zu werden.

(2) Den Lebensmitteln stehen gleich ihre Umhüllungen, Überzüge oder sonstigen Umschließungen, die dazu bestimmt sind, mitverzehrt zu werden, oder bei denen der Mitverzehr vorauszusehen ist.

Paragraph 2

(1) Zusatzstoffe im Sinne dieses Gesetzes sind Stoffe, die dazu bestimmt sind, Lebensmitteln zur Beeinflussung ihrer Beschaffenheit oder zur Erzielung bestimmter Eigenschaften oder Wirkungen zugesetzt zu werden; ausgenommen sind Stoffe, die natürlicher Herkunft oder den natürlichen chemisch gleich sind und nach allgemeiner Verkehrsauffassung überwiegend wegen ihres Nähr-, Geruchs- oder Geschmackswertes oder als Genussmittel verwendet werden, sowie Trink und Tafelwasser.

(2) Den Zusatzstoffen stehen gleich:

  1. Mineralstoffe und Spurenelemente sowie deren Verbindungen außer Kochsalz,
  2. Aminosäuren und deren Derivate,
  3. Vitamine A und D sowie deren Derivate,
  4. Zuckeraustauschstoffe, ausgenommen Fruktose,
  5. Süßstoffe.

(gekürzt)

 

Für Nahrungsergänzungsmittel, die einen immer bedeutenderen Platz in der Prävention und manchmal leider auch bei einem Therapieversuch (!) einnehmen, gibt es derzeit kein eigenständiges Gesetzeswerk; sie verbergen sich unter anderem im § 2 „Zusatzstoffe“ des LMBG. Daneben findet zum Teil auch die Verordnung über diätetische Lebensmittel Anwendung. Der Begriff „Nahrungsergänzungsmittel“ taucht derzeit nur in der Nährstoff-Kennzeichnungsverordnung auf. Dem gegenüber stehen die Arzneimittel, deren Definition im Arzneimittelgesetz den Angehörigen der Heilberufe sicher eher geläufig ist (§ 2).

Verbrauchern und Patienten sind diese Definitionen nur selten bekannt; hier weist in aller Regel die Werbung den von der Hoffnung auf Heilung getriebenen Kunden auf dieses oder jenes Produkt hin. Auch hierfür gibt es gesetzliche Vorgaben. Arzneimittel unterliegen durch das Heilmittelwerbegesetz strengen Werberegularien. So darf außerhalb der Fachkreise nur für verschreibungsfreie Medikamente geworben werden. Ferner muss es sich um zugelassene Arzneimittel handeln, die also den Nachweis der Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit im Rahmen der Zulassung erbracht haben.

Das LMBG regelt die gesundheitsbezogene Werbung in den §§17 und 18. Demnach ist es untersagt, Lebensmitteln den Anschein eines Arzneimittels zu gegeben oder mit Aussagen zu werben, die sich auf die Beseitigung, Linderung oder Verhütung von Krankheiten beziehen. Eine Ausnahme bilden die diätetischen Lebensmittel, bei denen gemäß § 3 der Diätverordnung solche Hinweise, wenn auch in engen Grenzen zulässig sind.

Verglichen mit den dezidierten Forderungen im AMG und dem Heilmittelwerbegesetz lässt das LMBG, das auf einer Reihe von Verboten aufbaut, deutlich mehr Spielraum für Interpretationen, die von der Lebensmittelindustrie bei der Bewerbung ihrer probiotischen Produkte geschickt genutzt werden.

Von der Mikrobe zum Probiotikum

Der Schritt hin zu einem definierten Mikroorganismus macht Probiotika auch objektiven Analysen zur Beurteilung ihrer Wirksamkeit zugänglich. So können die Wundermittel und Umsatzträger der Lebensmittelindustrie auf den Prüfstand der randomisierten, doppelblinden, kontrollierten klinischen Studien gestellt werden, an denen sich auch Arzneimittel messen lassen müssen.

Damit ein Mikroorganismus überhaupt als Probiotikum eingesetzt werden kann, muss er bestimmte Eigenschaften erfüllen. Nach der derzeit gängigen Definition ist die unversehrte Passage des Magen-Darm-Traktes für ein Probiotikum charakteristisch. Reid (6) stellt noch weitere Bedingungen an die Bewerber für diesen Titel:

  • Fähigkeit zur Zelladhärenz,
  • Verhinderung oder Reduktion pathologischer Adhärenz,
  • Persistenz und Vermehrung,
  • Produktion von Säuren, Wasserstoffperoxid und Bakteriziden,
  • Resistenz gegen vaginale Mikrobizide, einschließlich Spermizide,
  • nicht-invasive, nicht-kanzerogene und apathogene Eigenschaften,
  • Koaggregation und Förderung einer normalen balancierten Flora.

Für die Wirksamkeit ist die aufgenommene Zahl der Mikroorganismen - mindestens 109 Kolonie bildende Einheiten (KBE) - und deren Fähigkeit, sich im menschlichen Darm über einen längeren Zeitraum zu vermehren, entscheidend. Gerade letzteres hängt klar von dem Mikroorganismus und dessen Fähigkeit zu Magenpassage und Zelladhärenz ab. Hier gibt es deutliche stammspezifische Unterschiede.

Da der Einsatz nicht lebensfähiger Keime vor dem Hintergrund der eingangs diskutierten Wirkmechanismen ausscheidet, wurden Kulturen mit einer verbesserten Resistenz gegen Säure und Gallensalze entwickelt. Diese finden zunehmend Anwendung, so zum Beispiel der Stamm Lactobacillus acidophilus LC Stamm 1. Daneben sollte eine möglichst lang anhaltende Besiedelung des Darmepithels erfolgen. Für Lactobacillus GG konnte beispielsweise gezeigt werden, dass der lebende Keim auch sieben Tage nach Therapieende noch im Stuhl nachweisbar war (7).

Daneben entscheidet der klinische Effekt über den Nutzen eines Mikroorganismus in der Therapie. Wichtig ist es, neben definierten "Wirkstoffen" auch therapeutische Ziele festzulegen. Betrachtet man die Arzneimittel in der Roten Liste, liegen hinreichend valide Studien letztlich nur für die Gruppe der Magen-Darm-Mittel vor.

Die in der Hauptgruppe 82 der Roten Liste geführten Urologika mit probiotischen Keimen - ausschließlich E.-coli-Stämme - stehen im Hinblick auf Studien auf eher tönernen Füßen (8).

Eine Vaginitis tritt meist in Zusammenhang mit Candida-Infektionen auf. Ein therapeutischer Nutzen von topisch angewendeten Lactobazillen ist auf Grund der lokalen Wirkung auf die gestörte Zusammensetzung der Vaginalflora eher nachvollziehbar (9) und auch in einigen, wenn auch unkontrollierten Studien belegt (10). In einer Cross-over-Studie mit 33 Probanden, bei der täglich 300 g Joghurt mit vermehrungsfähigem Lactobacillus acidophilus verzehrt wurden, konnte dessen Wirksamkeit in der Prävention von rezidivierenden Candida-Infektionen gezeigt werden (11).

In der Hauptgruppe 51 aufgelistete probiotische Immunmodulatoren stützen sich, ähnlich wie die Urologika, auf zumindest als fragwürdig einzuschätzende Studien. Doch gerade hier scheinen manche Mikroorganismen noch einiges in der Pipeline zu haben.

Über die hier behandelten Indikationsgebiete hinaus werden Probiotika mit einer Vielzahl von therapeutischen Effekten in Verbindung gebracht. Doch weder die protektiven Eigenschaften in der Krebsentstehung - hier wurde lediglich der hemmende Effekt auf bestimmte Enzyme gezeigt - noch ein Einfluss auf den Blutdruck oder den Cholesterolspiegel können als hinreichend belegt angesehen werden.

Mikroben bremsen Diarrhöe

Die weitaus meisten Untersuchungen zur Wirksamkeit von probiotischen Mikroorganismen beim Menschen liegen zur Prävention und Behandlung von Durchfallerkrankungen vor. Die Vielzahl der Studien wurde wiederholt in systematischen Übersichtsarbeiten und Reviews erörtert.

Vandenplas (12) analysierte 28 randomisierte, doppelblinde placebokontrollierte Studien zur Wirksamkeit verschiedener bakterieller Probiotika. Lediglich Lactobacillus GG wirkte bei der prophylaktischen und therapeutischen Anwendung signifikant besser als Placebo. Alle übrigen Mikroorganismen (Streptococcus thermophiIus, S. lactis, Lactobacillus acidophilus, L. bulgaricus, L. fermentum, L. reuteri, L. plantarum 299V, Bifidobacterium bifidum, Enterococcus faecium SF68) waren der als Placebo eingesetzten Formulierung nicht oder nur geringfügig überlegen.

Ein neuerer Review von Szajewska und Mrukowicz (13) beurteilte zehn randomisierte, doppelblinde placebokontrollierte Therapiestudien und drei Präventionsstudien mit bakteriellen Probiotika (Lactobacillus GG, L. reuteri, L. acidophilus, Streptococcus thermophilus in Kombination mit L. acidophilus und L. bulgaricus oder Bifidobacterium bifidum) und Hefen wie Saccharomyces boulardii. Probiotika reduzierten das Risiko einer protrahierten Diarrhö von mehr als drei Tagen Dauer im Vergleich zu Placebo signifikant. Dabei konnten die Probiotika die Diarrhödauer um durchschnittlich 20 Stunden verringern.

Zu einem interessanten Ergebnis kommt die Metaanalyse von D´Souza (14), die im Juni dieses Jahres im British Medical Journal publiziert wurde und einer Empfehlung des Arzneimittelbriefs vom August zu Grunde liegt (15). Unter dem Titel "Prophylaxe Antibiotika-assoziierter Diarrhöen durch Komedikation von Hefen oder Laktobakterien" kommen die Autoren zu dem Schluss, dass Saccharomyces boulardii oder Lactobazillen zur Prävention Antibiotika-assoziierter Diarrhöen geeignet sind.

Fazit: Zur Prophylaxe und Therapie einer Diarrhö können auf Grund kontrollierter wissenschaftlicher Studien bislang Präparate mit Saccharomyces boulardii oder Lactobacillus GG empfohlen werden. Diese sollten angesichts der Häufigkeit gerade der Antibiotika-assoziierten Diarrhö zum Standard-Repertoire in der Beratung gehören. Alle übrigen Probiotika halten einer wissenschaftlich fundierten Untersuchung ihrer Wirksamkeit in der beanspruchten Indikation derzeit nicht oder nur unzureichend stand.

„Biotherapeutic Agent“

Die Forschung auf dem Gebiet der Mikroorganismen mit probiotischer Wirkung – im englischsprachigen Raum hat sich zunehmend der Begriff „biotherapeutic agent“ durchgesetzt – steht erst am Anfang ihrer Karriere. Als Beispiel für einen möglichen therapeutischen Wert über die Behandlung der beschriebenen Durchfallerkrankungen hinaus soll Lactobacillus GG in der Prävention atopischer Erkrankungen vorgestellt werden.

Für Kinder in Entwicklungsländern sind akute gastrointestinale Infektionen nach wie vor das medizinische Hauptproblem, atopische Erkrankungen wie Neurodermitis sind dort nahezu unbekannt. In Industrienationen herrscht die umgekehrte Situation. Mittlerweile zeigt etwa ein Drittel der Kinder Symptome einer atopischen Dermatitis, Tendenz steigend.

In der bisher umfassendsten epidemiologischen Studie zur weltweiten Allergiesituation wurden in Entwicklungsländern signifikant niedrigere Allergieprävalenzen als in Industriestaaten gefunden (16). Daneben nehmen weitere immunvermittelte Erkrankungen wie Morbus Crohn, Colitis ulcerosa oder Diabetes mellitus Typ I mit einer Schnelligkeit zu, die sich durch genetische Faktoren allein nicht erklären lässt (17).

Zu viel Hygiene schadet

Zwei wesentliche Aspekte des für Länder der ersten Welt charakteristischen Lebensstils kommen als mögliche Ursachen in Frage: Hygiene und Ernährung.

In einer sehr umfassenden Übersichtsarbeit zeigt Müller, dass ein Verdrängen ortsüblicher Keime aus dem Lebensumfeld von Säuglingen, zum Beispiel durch den (unnötigen!) Einsatz von Desinfektionsmitteln im Haushalt, der physiologischen Prägung des Immunsystems entgegensteht (18). Dabei sind die Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen hygienischen Maßnahmen und der Entstehung atopischer Erkrankungen derart erdrückend, dass Müller die Hygiene vor einem Paradigmenwechsel stehen sieht. Auch das Umweltbundesamt, das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin und das Robert-Koch-Institut warnen vor antibakteriellen Reinigungsmitteln im Haushalt.

Weitere Arbeiten zur Entwicklung der kindlichen Darmflora zeigten, dass sich die vorherrschenden Mikroorganismen im Darm von Säuglingen in Entwicklungsländern signifikant von denen in Ländern der westlichen Welt unterscheiden (19, 20). Ähnliche Ergebnisse resultieren aus Vergleichen zwischen konsequent gestillten Kindern und solchen, die in den ersten Lebensmonaten mit der Flasche ernährt wurden (21). Sowohl bei Kindern aus Entwicklungsländern als auch bei gestillten Säuglingen herrschen Bifidobakterien und Lactobazillen vor. Beide Untersuchungen deuten darauf hin, dass die initiale Zusammensetzung der Darmflora für die Entstehung atopischer Erkrankungen mit von Bedeutung sein kann.

Man weiß heute, dass gerade die ersten Keime in der Besiedlung des noch „sterilen“ Darms eines Neugeborenen die „Prägung“ des darmassoziierten Immunsystems entscheidend mitgestalten. Eine übersichtliche Zusammenstellung der immunologischen Vorgänge und deren Einfluss auf die Entstehung atopischer Erkrankungen findet sich in (22).

Zur Atopieprävention hilfreich?

Auf diesen Erkenntnissen aufbauend, konnten zwei in Finnland durchgeführte prospektive, randomisierte Studien mit je 27 Probanden zeigen, dass sich die akuten Symptome bei den untersuchten Säuglingen mit atopischem Ekzem und Kuhmilchallergie nach vier- und achtwöchiger Gabe von Lactobacillus GG signifikant besserten (23, 24).

In einer weiteren randomisierten, doppelblinden und placebokontrollierten Studie mit 132 Mutter-Kind-Paaren erhielten Schwangere mit positiver Familienanamnese in Bezug auf Atopie, allergische Rhinitis oder Asthma zwei bis vier Wochen vor dem errechneten Geburtstermin Lactobacillus GG (25). Die Einnahme wurde bis zum Abstillen fortgeführt; bei nicht gestillten Säuglingen oder nach dem Abstillen erhielten die Säuglinge die Lactobazillen mit der Flaschennahrung oder durch Zufüttern mit dem Löffel.

Nach sechsmonatiger Gabe von täglich 1010 Kolonie-bildenden Einheiten halbierte sich die Häufigkeit eines atopischen Ekzems in der Verumgruppe bis zum Alter von zwei Jahren gegenüber Placebo. Ob sich künftig die Zahl der atopischen Erkrankungen und die Allergieprävalenz durch Probiotika senken lassen, wird sich zeigen. Es bedarf gerade auf diesem Gebiet größerer und länger laufender Studien, um die Resultate der finnischen Forscher zu bestätigen.

Der Nutzen einer präventiven Gabe von Lactobacillus GG wird derzeit auch in einer Studie der Universitätskinderklinik in Freiburg untersucht. Für eine zweite Studie in Frankfurt werden zur Zeit noch Teilnehmer gesucht (Näheres hierzu unter www.kinderklinik.kgu.de/probiotika). Dem Ausgang dieser Studien darf man sicher mit Spannung entgegensehen. Angesichts der potenziellen therapeutischen Möglichkeiten werden in Zukunft ohne Frage weitere probiotische Keime Gegenstand solcher Untersuchungen sein.

Nicht für Immunsupprimierte

„Bei einem Medikament ohne Nebenwirkung ist es fraglich, ob es überhaupt eine Wirkung hat.“ Dieser Satz gilt auch für Probiotika uneingeschränkt, selbst wenn so mancher Marketing-Experte das Gegenteil glaubhaft machen will.

Für probiotische Kulturen wird Apathogenität gefordert. Dennoch findet man in der Literatur eine Reihe von Meldungen zu Nebenwirkungen, insbesondere zu Infektionszwischenfällen (26-31). Es handelt sich zwar um ausgesprochen seltene Ereignisse, doch gerade bei immunsupprimierten Patienten, zum Beispiel nach Transplantationen, oder Schwerstverbrannten ist die Anwendung auch körpereigener Mikroorganismen nicht unkritisch. Gleiches gilt für Personen mit schlechtem Immunstatus, beispielsweise HIV-infizierten Menschen. Bei diesen Patienten ist unter Umständen die Barrierefunktion der Darmwand durch die Schädigung der intestinalen Mukosa gestört, so dass ein Eindringen von Mikroorganismen und eine sich potenziell daraus entwickelnde Sepsis nicht ausgeschlossen werden können (32).

Neben diesen wenigen, gut überschaubaren Kontraindikationen sind derzeit keine weiteren Gründe bekannt, auf Probiotika zu verzichten.

Ein anderer, unter Umständen kritischer Punkt ist die potenzielle Übertragung von Resistenzgenen. Einige Arbeiten zeigten, dass probiotische Keime die für die Resistenz gegen ein bestimmtes Antibiotikum relevanten genetischen Informationen auf Mikroorganismen der Darm- und Hautflora übertrugen (33, 34).

Kurz gesagt

Bei den bakteriellen Probiotika/Biotherapeutika handelt es sich um viele verschiedene Mikroorganismen. Neben definierten „Wirkstoffen“ werden auch Mischkulturen unterschiedlicher Stämme und Gattungen in der Lebensmittelindustrie und als Pharmaka verwendet. Das Gros der therapeutisch genutzten Stämme kommt physiologisch im Darm vor. Neben probiotischen Bakterien werden auch Hefen wie Saccharomyces boulardii oder S. cerevisiae eingesetzt.

Studien haben gezeigt, dass eine uneingeschränkte Vergleichbarkeit oder der Austausch innerhalb einer Gattung oder Art nicht ohne weiteres möglich sind; oft sind die beobachteten Effekte sogar streng stammspezifisch.

Bei verschiedenen Diarrhöformen kann ein Therapieerfolg durch probiotische Kulturen, zumindest für Saccharomyces boulardii und Lactobacillus GG, als gesichert gelten. Dass eine präventive Einnahme dieser beiden Mikroorganismen während einer antibiotischen Therapie hilfreich ist, ist durch Studien hinreichend belegt und sollte zum Standard in der Beratung der Patienten gehören.

In der Prävention und Therapie atopischer Erkrankungen liegen für Lactobacillus GG erste viel versprechende Resultate vor. Die Studien halten einer kritischen Beurteilung stand, müssen aber, wie es derzeit in Freiburg und Frankfurt geschieht, durch größere und längere Untersuchungen untermauert werden.

Für eine Wirksamkeit über die detailliert vorgestellten Effekte hinaus liegen meist nur rudimentäre Daten oder unzureichende Studienerkenntnisse vor, die allenfalls als Hinweis für weitere Untersuchungen dienen sollten. Eine therapeutische Empfehlung kann unseres Erachtens auf dieser Datenlage nicht aufbauen.

Seriöse Beratung ist gefragt

Die gezielte Auswahl der probiotischen Kulturen ist entscheidend für den Therapieerfolg. Ausschlag gebend ist nicht der Status (Arznei-, Lebens- oder Nahrungsergänzungsmittel), sondern Art, Menge, Vitalität und stammspezifische Faktoren der Mikroorganismen. Hier liegt eine besondere Herausforderung für den Apotheker. Als Kenner der Arznei- wie Nahrungsergänzungsmittel-Szene kann er den Patienten über Sinn und Unsinn der vielen Produktangebote informieren.

Die Grundlage für die Beratung können für einen Naturwissenschaftler sicher nur gesicherte Daten und eine eingehende Auseinandersetzung mit der Thematik bilden. Wie gut dies zwischen Käsetheke und Leergutannahme erfolgen kann und ob hier neben dem erwünschten Therapieerfolg zuweilen auch die „finanzielle“ Gesundheit des Patienten auf der Strecke bleibt, darf unseres Erachtens in vielen Fällen zu Recht gefragt werden.

 

Literatur

  1. Metchnikoff, E., Sur la flore du corps humain. Manchester Lit. Philos. Soc. 45 (1901) 1 – 38.
  2. Fuller, R., Probiotics in human medicine. Gut 32 (1991) 439 – 442.
  3. Nurmi, E., Rantala, M., New aspects of Salmonella infection in broiler production. Nature 241 (1973) 210 – 211.
  4. Pelto, L., et al., Probiotic bacteria downregulate the milk-induced inflammatory response in milk-hypersensitive subjects but have an immunostimulatory effect in healthy subjects. Clin. Exp. Allergy 28 (1998) 1474 - 1479.
  5. Steidler, L., et al., Treatment of murine colitis by Lactobacillus lactis secreting interleukin-10. Science 289 (2000) 1352 - 1355.
  6. Reid, G., The scientific basis for probiotic strains of Lactobacillus. Appl. Environ. Microbiol. 65 (1999) 3763 - 3766.
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Die Autoren

Tilmann Laun studierte von 1990 bis 1995 Pharmazie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Nach seiner Praktikantenzeit, unter anderem in der Krankenhausapotheke der Städtischen Klinik in Karlsruhe, wurde er mit einer immunologischen Arbeit am Physiologischen Institut der Universität Tübingen zum Dr. rer. nat. promoviert. Derzeit arbeitet Dr. Laun als Qualitätssicherungsbeauftragter bei Infectopharm, einem mittelständischen Pharmaunternehmen mit Schwerpunkt Antiinfektiva.

Florian Läpple studierte Chemie mit Schwerpunkt Biochemie in Hannover und Freiburg. Studien der Pharmakogenetik am Dr.-Margarete-Fischer-Bosch-Institut für klinische Pharmakologie in Stuttgart mündeten in die Promotionsarbeit über polymorphe Expression Arzneimittel metabolisierender Enzyme des humanen Intestinaltraktes. Derzeit arbeitet Dr. Läpple als Manager Med.-Wiss./Regulatory Affairs bei der genannten Pharmafirma.

Beate Ptok studierte von 1995 bis 2001 Ernährungswissenschaften an der Universität Hohenheim in Stuttgart. Ihre Diplomarbeit im Bereich Proteinmetabolismus absolvierte sie an der University of Wisconsin, Madison, USA. Seit gut einem Jahr arbeitet sie als wissenschaftliche Produktmanagerin bei der genannten Pharmafirma.

 

Für die Verfasser:
Dr. Tilmann Laun
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