| Melanie Höhn |
| 23.09.2026 15:46 Uhr |
Europa verliert im globalen Wettbewerb im Pharmabereich an Boden, kritisieren neun Pharmaunternehmen in einem offenen Brief. / © Adobe Stock/Bojanikus
In dem Brief beklagen die Vorsitzenden von Astra Zeneca, Boehringer Ingelheim, Chiesi Group, Ipsen, GSK, Novo, Novartis, Roche und Sanofi, dass das »hart erarbeitete Erbe« des europäischen Pharmasektors in Gefahr ist. »In unseren Führungsetagen beobachten wir, wie Europa im globalen Wettbewerb an Boden verliert. Allein in den letzten zwei Jahren wurden in den USA und in China Investitionen in den Pharmasektor in Höhe von mehr als 600 Milliarden US-Dollar angekündigt. Die europäischen Regierungen müssen Rahmenbedingungen schaffen, die Investitionen in Medikamente der nächsten Generation anziehen – bevor es zu spät ist«, heißt es in dem Brief.
Europas Entscheidung, Anreize für Innovationen zu schaffen, habe einen der produktivsten und forschungsintensivsten Sektoren hervorgebracht; dieser sichere Millionen hochqualifizierter Arbeitsplätze und erwirtschafte einen EU-Handelsüberschuss von mehr als 220 Milliarden Euro. Die Einführung innovativer Medikamente in Europa zahle sich für die Wirtschaft fast sechsfach aus – durch geringere Kosten für Krankenhausaufenthalte und ein gesünderes Erwerbsleben. Zudem treibe der Sektor ein riesiges Ökosystem an, das von der Forschung über die Entwicklung bis hin zur Produktion reiche, und stärke zugleich die Gesundheitssysteme bei der Bewältigung der wachsenden Krankheitslast und der alternden Bevölkerung.
»In Europa schrillen die Alarmglocken«, so die Initiatoren des Briefs. Wie der italienische Ökonom und frühere EZB-Präsident Mario Draghi bereits gewarnt habe, drohe strategischen Sektoren wie der Pharmaindustrie ohne dringendes Handeln ein schleichender Niedergang. Im Jahr 1990 entfielen 43 Prozent der weltweiten Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten im Pharmabereich auf Europa. Heute seien es nur noch 31 Prozent, mit sinkender Tendenz. Der Anteil Europas an kommerziellen klinischen Studien, die öffentlichen Krankenhäusern wichtige Einnahmen sichern und die Behandlungsergebnisse verbessern, habe sich innerhalb eines Jahrzehnts auf 9 Prozent halbiert. China habe Europa bei klinischen Studien, Pharmapatenten und der Entwicklung neuer Medikamente bereits überholt.
Für Patientinnen und Patienten seien die Folgen eindeutig: Rund 40 Prozent der neu zugelassenen Therapien erreichten den europäischen Markt gar nicht. Bei den verfügbaren Therapien würden Patienten oft fast 600 Tage auf eine Behandlung warten. Die Überlebensraten bei Krebserkrankungen lägen in Europa hinter denen der USA zurück. Bei zu vielen Patienten erfolge die Diagnose erst spät, oder sie würden mit Medikamenten behandelt, die hinter den in medizinischen Leitlinien empfohlenen Standards zurückblieben.
Dies sei laut den Verfassern des offenen Briefs das Ergebnis einer jahrzehntelangen Politik, in der Arzneimittel eher als »Kostenfaktor betrachtet wurden, den es zu drücken galt, statt als eine der besten Investitionen, die eine Regierung tätigen könne«. Zudem würden veraltete Systeme den Einsatz innovativer Medikamente behindern, Budgets willkürlich deckeln und die Ausgaben trotz steigenden Patientenbedarfs nicht an die Inflation anpassen.
Die Botschaft an Innovatoren sei unmissverständlich: »Europa weiß eure Arbeit nicht zu schätzen«, hieß es weiter. »Unsere heutigen Entscheidungen haben Auswirkungen, die weit in die Zukunft reichen. Bis ein einziges innovatives Medikament den Patienten erreicht, vergehen mehr als zehn Jahre, und es sind Investitionen von rund 3 Milliarden Euro mit ungewissem Ausgang erforderlich; von 10.000 im Labor synthetisierten Wirkstoffkandidaten schaffen es oft nur ein oder zwei zur Marktreife.« Nur wenige Branchen seien mit vergleichbaren Risiken über einen so langen Zeitraum konfrontiert. Ein solches Engagement setze einen Markt voraus, der es auch entsprechend belohnt.
Die klare Botschaft des Briefs: »Ein Kurswechsel wird immer dringlicher. Die politischen Entscheidungsträger in Europa müssen die Gefahr erkennen. Die EU kann hier eine fördernde Rolle spielen, indem sie klinische Studien beschleunigt, geistiges Eigentum schützt und eine sinnvolle Digitalpolitik verfolgt.« Entscheidend sei zudem, dass die EU den Mitgliedstaaten, die in Gesundheit und innovative Medikamente investieren, fiskalischen Spielraum einräume – in Anerkennung der Tatsache, dass es Zeit brauche, bis sich diese Investitionen auszahlen.
Doch Maßnahmen auf EU-Ebene allein würden nicht ausreichen. Die entscheidenden Weichenstellungen lägen bei den nationalen Regierungen: Es gehe darum, wie viel in Gesundheitsbudgets investiert wird, wie schnell neue Medikamente bewertet und finanziert werden und wie das Gesundheitswesen modernisiert werden kann, um Krankheiten besser vorzubeugen und wirksamer zu behandeln. »Wir rufen die nationalen Entscheidungsträger dazu auf, gemeinsam mit uns den Rückgang der europäischen Wettbewerbsfähigkeit umzukehren, eine neue Ära medizinischer Innovationen einzuleiten und die gesundheitspolitische Souveränität zu sichern.«