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Autoimmunerkrankungen

Impfungen sorgfältig planen

Patienten mit Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose (MS), Morbus Crohn oder rheumatoide Arthritis erhalten ihr Leben lang  eine immunsuppressive Therapie und sind dadurch anfälliger für Infektionen, insbesondere unter Biologika-Therapie. Wie können sie sich am besten schützen?
Daniela Hüttemann
29.10.2018
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Bei Autoimmunerkrankungen richtet sich das Immunsystem gegen körpereigene Zellen. Um das zu vermeiden, erhalten die Patienten eine immunsuppressive Therapie. Diese verbessert zwar die Symptomatik, geht aber mit einem erhöhten Risiko für Infektionen einher. »Niemandem sollte aus Angst vor schweren Infektionen ein Biologikum vorenthalten werden, wenn es indiziert ist«, sagte Dr. Verena Stahl, Apothekerin aus Herdecke, beim Wochenendworkshop »Patient und Pharmazeutische Betreuung« in Hannover. Dabei gibt es  abhängig von der Autoimmunerkrankung und deren Schweregrad sowie der Arzneistoffklasse durchaus Unterschiede hinsichtlich des Infektionsrisikos.

So erhöhen beispielsweise TNF-α-Blocker insbesondere die Gefahr für eine Tuberkulose-Reaktivierung, unter IL17A-Hemmern treten vermehrt Candida-albicans-Infektionen auf und unter Natalizumab-Therapie kann das JC-Virus eine gefährliche Hirnentzündung auslösen. Viel häufiger sind jedoch vermeintlich banale Infektionen wie Atemwegs- und Harnwegsinfekte oder auch Influenza und Gürtelrose. Hier lässt sich das Risiko durch strengere Hygiene-Vorschriften und wenn möglich auch durch Impfungen senken.

Lebendimpfungen sind unter einer immunsuppressiven Therapie nicht möglich. Dazu zählen die Masern-Mumps-Röteln-Impfung, die Windpocken-Impfung (VZV) sowie die Immunisierung gegen Gürtelrose mit Zostavax®, die nasale Grippeimpfung mit Fluenz® tetra, die orale Typhus-Impfung mit Typhoral® sowie die Gelbfieber-Impfung. Erhält der Patient die Diagnose einer Autoimmunerkrankung und soll eine immunsuppressive Therapie begonnen werden, sollte vorher der Impfstatus abgeklärt werden. Ist ein verzögerter Therapiestart möglich, können Lebendimpfungen gegebenenfalls noch verabreicht werden, zum Beispiel eine Varizella-zoster-Impfung bei MS-Patienten, die noch nicht an Windpocken erkrankt waren (nachgewiesene Seronegativität) und ungeimpft sind. »Vier bis sechs Wochen nach der zweiten Impfung kann die immunsuppressive Therapie dann starten«, so Stahl. Dieses Vorgehen ist empfehlenswert, denn beispielsweise unter Fingolimod-Therapie verdoppelt sich das Risiko für eine Gürtelrose.

Passive Immunisierungen mit Totimpfstoffen sind auch unter der Therapie möglich - und durchaus empfohlen, auch wenn die Immunantwort womöglich schwächer ausfällt als bei gesunden Patienten. So können sich immunsupprimierte Patienten über 50 Jahre seit diesem Jahr mit dem Totimpfstoff Shingrix® gegen Herpes zoster immunisieren lassen

Patienten mit Autoimmunerkrankungen sollten sich auch gegen Grippe und Pneumokokken impfen lassen. »Bei Rheumatikern liegt das Risiko für eine Pneumonie oder Influenza um das 1,56-Fache höher als bei gesunden Senioren«, informierte Stahl. Die Patienten erkranken zudem länger und schwerer. Auch kann eine Influenza-Infektion eine Krankheitsschub auslösen. Daher empfiehlt das Robert-Koch-Institut allen Immunsupprimierten die jährliche Grippeimpfung.

Fotos: Fotolia/miss_mafalda, PZ/Daniela Hüttemann

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