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Neurodermitis

Hoffnung für Atopiker

Die Therapie der atopischen Dermatitis steht vor einem Durchbruch: Bald werde es möglich sein, das Leid von Menschen mit schwerer Neurodermitis deutlich effektiver zu lindern als bisher, prophezeite Professor Dr. Jens-Malte Baron beim Pharmacon Meran.
Christina Müller
27.05.2019
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»In wenigen Jahren werden wir bei der Behandlung der schweren atopischen Dermatitis ähnlich gute Ergebnisse erzielen können wie bei der Therapie von Patienten mit Schuppenflechte«, sagte Baron am Montag in Meran. Dabei setzt der Dermatologe von der Uniklinik Aachen vor allem auf die Klasse der Biologika. Mit Dupilumab (Dupixent®) sei bereits ein Wirkstoff zugelassen, der einen neuen Angriffspunkt adressiert: die α-Untereinheit des Interleukin (IL)-4-Rezeptors, die sowohl Teil des IL-4- als auch des IL-13-Rezeptors ist.

Ein interessantes Target sei auch das erst vor einigen Jahren entdeckte Interleukin 31. In geringen Mengen aktiviert es antimikrobielle Peptide in der Haut und trägt so zu ihrem Schutz bei. Steigt die Konzentration, kippt dieser Effekt und die Hautbarriere wird zerstört. Gelingt es, die übermäßige Produktion des Botenstoffs in den Immunzellen mithilfe von Medikamenten auf ein normales Maß zu drosseln, lässt sich die Entzündung gut beherrschen. Aktuell befinden sich Baron zufolge weitere Wirkstoffe in Phase-III-Studien, die sich gezielt gegen Interleukin 31 richten.

Insgesamt 72 Arzneistoffe gegen Neurodermitis durchlaufen derzeit die klinische Prüfung, berichtete der Hautarzt. Und auch bei der Basistherapie habe die Forschung in den vergangenen Jahren Fortschritte gemacht: »Basistherapien allein können im In-vitro-Modell wie auch in Studien zu einer deutlichen Verbesserung der Barrierefunktion führen«, betonte Baron.

Ein wichtiger Faktor seien dabei Ceramide. Anhand verschiedener Färbemethoden lässt sich nachweisen, dass die einmal tägliche Applikation einer Ceramid-haltigen Zubereitung bereits nach knapp einer Woche die Allergenpenetration senkt, die Zellteilung und somit die Regeneration der Haut fördert und ihre durch die Entzündung geschädigte Struktur wiederherstellt. Der zugrunde liegende Mechanismus ist bisher jedoch noch nicht geklärt. »Es scheint sich nicht um eine einfache Substitution zu handeln«, so Baron. Denn die menschliche Haut enthalte rund 2000 verschiedene Ceramide, von denen nur einige wenige in externen Zubereitungen verarbeitet seien. Welche Ceramide genau aufgetragen werden, spielt dem Experten zufolge aber offenbar keine Rolle.

Im Fall eines akuten Schubs ist in den Leitlinien nach wie vor die Behandlung mit topischen Glucocorticoiden vorgesehen. Ambulant empfiehlt Baron, je nach Schwere des Ekzems einen Wirkstoff der Klasse 2 oder 3 auszuwählen. Klasse 4 – also die am stärksten wirksamen Glucocorticoide – sollte außerhalb des stationären Bereichs nicht zum Einsatz kommen. »Klasse 4 gehört nicht in Patientenhände«, mahnte der Klinikarzt.

Um Rückfälle zu vermeiden, habe sich eine zeitlich begrenzte Intervalltherapie mit einem geeigneten Glucocorticoid oder einem Calcineurin-Inhibitor wie Tacrolimus über die Phase der Abheilung hinaus bewährt. Dazu trägt der Patient das Mittel im Anschluss an die Akuttherapie mehrere Monate lang ein- bis zweimal pro Woche auf die zuvor erkrankten Stellen auf. Im Monat verbrauchen Erwachsene nach diesem Schema laut Baron nur etwa 60 bis 90 g der verordneten Zubereitung.

Darüber hinaus machte der Dermatologe auf eine ganz besondere Form der Neurodermitis aufmerksam: Der sogenannte atopische Winterfuß ähnele vom Erscheinungsbild her einem Fußpilz. Dass üblicherweise bei den Betroffenen am restlichen Körper keine Läsionen auftreten, erhöhe die Verwechslungsgefahr zusätzlich. Charakteristisch für den atopischen Winterfuß sei jedoch, dass die Probleme ausschließlich während der kalten Jahreszeit bestehen. »Möglicherweise verursacht okklusives Schuhwerk die Beschwerden«, sagte Baron. Wie das Phänomen genau entsteht, konnten Wissenschaftler noch nicht aufdecken.

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