Menschen mit neuromuskulären Erkrankungen oder angeborener Behinderung leiden häufig unter zu viel Speichelfluss. / © Adobe Stock/unai
Der Begriff Sialorrhö, auch Hypersalivation, Ptyalismus oder Speichelinkontinenz genannt, bezeichnet das relativ oder absolut übermäßige, unwillkürliche Auslaufen von Speichel über die Unterlippe. Dies ist unangenehm und gefährlich, denn der Speichel kann Kinn, Hände, Kleidung und Umgebung benässen oder in die tiefen Atemwege einfließen (1) und eine Lungenentzündung auslösen.
Der vermehrte Speichelfluss kann sehr unterschiedlich ausgeprägt sein: von mild und/oder nur nachts auftretend bis hin zu extremem Herausfließen.
Dieser Zustand ist für die Betroffenen und die Pflegenden in der Regel sehr belastend und mit großen Auswirkungen auf die Lebensqualität der Betroffenen verbunden. Auf psychosozialer Ebene zeigt sich dies möglicherweise mit einem reduzierten Selbstwertgefühl und sozialem Rückzug. Ebenso können belastende physische Folgen auftreten, beispielsweise Schwierig-keiten beim Sprechen oder Essen, Dehydratation, Mundgeruch (Halitosis), Hautmazeration mit sekundären Infektionen, Mundhautrisse und erhöhtes Risiko für eine Aspirationspneumonie (1, 2).
Bei einem gesunden Erwachsenen werden täglich etwa 1 bis 1,5 Liter Speichel durch die Speicheldrüsen in den Mundraum sezerniert. Etwa 90 Prozent des Speichels werden von den paarweise positionierten Unterkieferspeicheldrüsen (Glandulae submandibularis) sowie der Ohr- und der Unterzungenspeicheldrüse (Gl. parotis und Gl. sublingualis) produziert. Bei Stimulation liefert die Ohrspeicheldrüse mehr als 50 Prozent der Speichelmenge (3).
An der Steuerung der Speichelsekretion ist das autonome Nervensystem zweifach beteiligt. Durch parasympathische Aktivierung cholinerger M3-Rezeptoren wird reichlich seröser, elektrolytreicher Speichel sezerniert, während die sympathische Aktivierung β-adrenerger Rezeptoren zur Produktion von viskosem, muzinreichem zähen Schleim führt (4).
Eine umfassende Beratung in der Apotheke hilft den Patienten und ihren Angehörigen, besser mit dem belastenden Speichelfluss umgehen zu können. / © Adobe Stock/contrastwerkstatt
Das übermäßige Auslaufen von Speichel ist nur selten auf eine erhöhte Speichelproduktion zurückzuführen. Viel häufiger liegt eine Schluckstörung (Dysphagie) vor, die das Abschlucken beeinträchtigt. Dann spricht man von einer Pseudohypersalivation (5). Eine echte Hypersalivation, also eine vermehrte Speichelmenge, tritt meistens im Zusammenhang mit der Einnahme von atypischen Antipsychotika wie Clozapin auf.
Abzugrenzen ist eine Bronchorrhö, also eine vermehrte Bildung von Sekret in den Atemwegen, die häufig bei Lungenerkrankungen auftritt (Kasten).
Sialorrhö
Bronchorrhö
Rasselatmung
Zäher Schleim, zäher Auswurf