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Impfempfehlungen

Hinter den Kulissen der STIKO

Impfen schützt – oder? Die wissenschaftliche Beurteilung, ob und für wen eine Vakzine einen Nutzen hat, obliegt der Ständigen Impfkommission (STIKO). Professor Dr. Thomas Weinke vom Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam informierte beim Pharmacon Meran darüber, wie die Kommission dabei vorgeht.
Christina Müller
31.05.2019
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Kritiker halten der STIKO vor, sie brauche zu lange, um neue Impfstoffe zu beurteilen. Mag sein, dass der Prozess ein wenig Zeit erfordert, räumte Weinke ein. Dennoch stehe er voll hinter dem klar strukturierten Ablauf der Bewertungen. Denn dieser garantiere eine hohe wissenschaftliche Qualität der Impfempfehlungen auf Grundlage der evidenzbasierten Medizin.

Weinke, der selbst von 2014 bis 2017 Mitglied des Gremiums gewesen war, hob insbesondere die völlige Transparenz der Entscheidungsfindung hervor. Die 12 bis 18 wechselnden Mitglieder, die das Bundesministerium für Gesundheit alle drei Jahre persönlich ins Amt beruft, müssen demnach bereits vorab ihre Interessenkonflikte offenlegen. Diese werden während ihrer Amtszeit laufend aktualisiert und öffentlich gemacht, berichtete der Internist. Wer bei einer bestimmten Fragestellung nicht völlig neutral ist, darf an der Abstimmung nicht teilnehmen. Bei den Tagungen, die zwei- bis dreimal jährlich stattfinden, sind auch Gäste von Institutionen wie dem Gemeinsamen Bundesausschuss, dem Paul-Ehrlich-Institut oder der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zugelassen, die jedoch kein Stimmrecht besitzen.

Bei der Beurteilung eines neuen Impfstoffs orientiert sich die STIKO laut Weinke an einem fest vorgegebenen Fragenkatalog, den sie systematisch abarbeitet. Dieser setzt sich zusammen aus den sechs Kategorien Erreger, Zielkrankheit, Impfstoff, Impfstrategie, Implementierung und abschließende Bewertung. Eine Rolle spielen dabei Faktoren wie Inzidenz und Letalität der Krankheit, das Auftreten verschiedener Serotypen des Erregers, die Sicherheit, Wirksamkeit und Schutzdauer der Impfung, die Umsetzbarkeit sowie Schutzeffekte für das Individuum und die Bevölkerung.

Darüber hinaus vergibt die STIKO bezüglich der Wirksamkeit und Sicherheit des Impfstoffs Punkte auf einer Skala von eins bis neun in den Bereichen Population, Intervention, Vergleichstherapie (Comparison) und Outcome (PICO-Schema). Sie definiert die patientenrelevanten Endpunkte und erstellt nach einer ausgiebigen Literaturrecherche zu jedem von ihnen einen systematischen Review, den zwei STIKO-Mitgliedern unabhängig voneinander bewerten. »Die beiden Personen sollten möglichst verschiedene Blickwinkel haben«, sagte Weinke. »So soll verhindert werden, dass ein STIKO-Mitglied, das vielleicht Experte auf dem Gebiet ist und bereits eine Meinung zu dem Thema hat, die Bewertung an sich reißt.« Sind alle Daten gesichtet, werden diese noch je nach Relevanz und Qualität der Evidenz gewichtet. Unter Berücksichtigung anderer Aspekte wie Kosteneffektivität und Akzeptanz der Impfung in der Bevölkerung wägt die STIKO dann Nutzen und Risiko gegeneinander ab und spricht letztlich bei einem positiven Urteil eine Impfempfehlung aus.

Trotz der erforderlichen Zeit hält Weinke diesen Ablauf für richtig. »Die wissenschaftlichen Kriterien sind sehr gut«, betonte er. »Wir als Heilberufler sollten hinter solchen Entscheidungen stehen und sie positiv nach außen tragen«, appellierte der Arzt an die Apotheker. Zudem könne sich jeder selbst davon überzeugen, dass die STIKO sich mit der Bewertung viel Arbeit mache: »Die Begründungen sind völlig transparent, das können Sie alles im Internet nachlesen.« Auch die europäischen Nachbarn schauten gern auf die Impfempfehlungen der STIKO, die im Ausland großes Ansehen genieße. Und welchen Stellenwert Impfungen für die Gesundheit des Einzelnen und der Bevölkerung haben können, unterstrich Weinke am Beispiel der Kinderlähmung. »Die meisten von uns haben keine Polio-Fälle mehr gesehen – dank der Impfung!«

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