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Kinderdermatologie

Genau auf Inhaltsstoffe achten

Sonnenschutzmittel, Glucocorticoide und Wollwachs: Der Pädiater und Dermatologe Professor Dr. Peter Höger widerlegte am Sonntag beim Pharmacon Meran gleich eine ganze Reihe von Mythen bezüglich der Anwendung von topischen Zubereitungen bei Kindern.
Christina Müller
27.05.2019
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Säuglinge erhalten Höger zufolge im Durchschnitt bereits mehr als acht Hautpflegeprodukte. Das entspricht etwa 48 Inhaltsstoffen. Viel zu viel, findet der Experte vom Katholischen Kinderkrankenhaus Wilhelmstift in Hamburg: »Das ist eine völlig vermeidbare Exposition.«

Selbst bei Kindern mit gesunder Haut könne die Anwendung bestimmter Dermatika problematisch sein, betonte der Kinderarzt. Als Beispiel nannte er Sonnenschutzmittel mit UV-Filtern. Diese enthielten oftmals den Estrogen-artig wirkenden Stoff Octocrylen, wie eine Prüfung der Zeitschrift »Ökotest« im Jahr 2015 ergeben habe. »In vitro zeigen sich durch diese Substanz Feminisierungseffekte«, so Höger. Er empfiehlt, bis zum Grundschulalter bei Kindern ausschließlich Sonnenschutzmittel mit Pigmenten wie Zinkoxid und Titandioxid zu verwenden. Aktuelle Studien hätten gezeigt, dass die Nanopartikel weder in tiefere Hautschichten eindringen, noch systemisch aufgenommen werden. Eltern sollten lieber zu Zubereitungen mit Lichtschutzfaktor 30 greifen und diese mehrfach am Tag dick auftragen. Denn in Sonnenschutzmitteln mit Lichtschutzfaktor 50 finden sich dem Experten zufolge stets chemische UV-Filter, die für kleine Kinder nicht geeignet seien.

Zudem räumte Höger einen weiteren Irrglauben aus der Welt: Lanolin werde zwar als gut verträglich angepriesen, liege aber auf der Hitliste der Stoffe, die bei Kontakt am stärksten sensibilisierend wirken, immerhin auf Platz neun. »Das ist ein Tabubruch, weil die Anwendung so weit verbreitet ist«, stellte Höger heraus. Er rät stillenden Frauen dringend davon ab, Lanolin auf die wunden Brustwarzen aufzutragen. Stattdessen sollten die Mütter lieber Repaircremes ohne Wollwachs oder Wollwachalkohole verwenden.

Bei Hauterkrankungen wie dem atopischen Ekzem gibt es noch mehr zu beachten: Im akuten Schub sind Glucocorticoide laut Höger zwar das Mittel der Wahl. Doch eine Substanz sollten Eltern unbedingt meiden. »Hydrocortison ist das Schlimmste, was man machen kann.« Insbesondere im Gesicht ist demnach das Klasse-1-Glucocorticoid völlig ungeeignet. Das Molekül sei sehr klein und penetriere gut durch die Haut, die bei Kindern ohnehin sehr durchlässig ist. Stattdessen rät Höger zu Klasse-2-Glucocorticoiden wie Prednicarbat und Methylprednisolon. »Prednicarbat wird in der Epidermis zum Teil deaktiviert«, klärte er auf. »Deswegen gibt es sehr wenige systemische Nebenwirkungen.« Langfristig hätten sich auch Immunsuppressiva wie Pimecrolimus und Tacrolimus als nützlich erwiesen. Nach dem Abklingen des akuten Schubs empfiehlt er eine Intervalltherapie mit einem dieser Calcineurin-Inhibitoren über mehrere Wochen, um Rückfälle zu vermeiden.

In besonders schweren Fällen könne auch eine systemische Therapie erforderlich werden, sagte der Kinderarzt. »Ciclosporin A hat sich bewährt und kann unbehandelbare Haut wieder behandelbar machen.« Dazu seien pro Tag lediglich 2 bis 3 mg pro kg Körpergewicht nötig – eine für das Immunsystem kaum relevante Dosis. Bereits nach sechs bis zwölf Monaten zeigten sich bei einigen Kindern erstaunliche Effekte, so Höger. Die Zukunft liege jedoch in antiinflammatorischen Molekülen wie Dupilumab (Dupixent®). Sehr teure Antikörper wie dieser, der bereits bei Erwachsenen eine Zulassung in Deutschland besitzt, stellten die Forscher mit Blick auf die Wirtschaftlichkeit der Therapie jedoch vor die Frage, wie lange die Wirkung anhalte und welche Dosis für Kinder geeignet sei.

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