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Anti-CGRP-Antikörper

Für Hypertoniker nicht zu empfehlen?

Das Neuropeptid Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP), das ein neues Target in der Migränetherapie darstellt, schützt einer Tierstudie zufolge den Herzmuskel vor den Folgen eines zu hohen Blutdrucks. Wirkstoffe, die die CGRP-Wirkung antagonisieren, sollten deshalb bei Hypertonikern womöglich zurückhaltend eingesetzt werden.
Annette Mende
28.11.2019
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Auf die verschiedenen Effekte von CGRP auf die Hirnhäute und den Herzmuskel macht aktuell die Universität Zürich (UZH) in einer Pressemitteilung aufmerksam. Anlass ist die Publikation einer Forschergruppe um Dr. Tom Skaria von der UZH im Fachjournal »Circulation Research«. Die Wissenschaftler beschreiben darin, dass αCGRP, das aus der arbeitenden Skelettmuskulatur freigesetzt wird, unabhängig von seiner blutdrucksenkenden Wirkung bei Mäusen mit chronischer Hypertonie kardioprotektiv wirkt, indem es pathologische Umbauvorgänge (Remodeling) des Herzmuskels verhindert.

CGRP ist unter anderem ein starker Vasodilatator. Bei Migräne ist die Gefäßerweiterung unerwünscht, weil sie wahrscheinlich zur Entstehung der Kopfschmerzen beiträgt. Bei Hypertonie ist aber das Gegenteil der Fall, weil die Erweiterung der Gefäße den Blutdruck senkt. Davon unabhängig wirkt αCGRP aber auch direkt auf den Herzmuskel und vermittelt dort die positiven Effekte körperlicher Aktivität wie Verbesserung des Phänotyps und der Funktion. Das fanden die Forscher heraus, indem sie körperlich passive Mäuse mit solchen verglichen, die immer wieder freiwillig im Laufrad liefen. Bei den Tieren ließ sich die Herzmuskel-protektive Wirkung von αCGRP mit einem spezifischen Rezeptorantagonisten aufheben.

Relevant war das vor allem bei Mäusen mit chronischer Hypertonie. Seniorautor Professor Dr. Johannes Vogel bringt daher Substanzen, die die Freisetzung von αCGRP aktivieren, für Hypertoniker als eine mögliche Therapieoption der Zukunft ins Gespräch. Das dürfte jedoch schwierig werden, denn solche Substanzen hätten als Nebenwirkung vermutlich starke Kopfschmerzen – mit der Infusion von CGRP lassen sich experimentell migräneähnliche Kopfschmerzen auslösen.

Wichtiger ist daher wahrscheinlich ein anderes Ergebnis der Studie: Bei Mäusen mit chronischem Bluthochdruck führte eine langfristige Verabreichung des αCGRP-Blockers zu einer Störung der Herzfunktion. Dies könnte auch beim Menschen zu erwarten sein. »αCGRP-Blocker sollten zur Migränevorbeugung nur eingesetzt werden, wenn den Patienten regelmäßig der Blutdruck kontrolliert wird. Chronischer Bluthochdruck sollte in die Liste der Kontraindikationen für den langfristigen Einsatz von αCGRP-Blockern aufgenommen werden«, fordert Vogel. In den Fachinformationen der bislang verfügbaren Anti-CGRP-Antikörper Erenumab (Aimovig®), Fremanezumab (Ajovy®) und Galcanezumab (Emgality®) findet sich diese Kontraindikation jedoch nicht.

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