| Christina Hohmann-Jeddi |
| 22.05.2026 16:20 Uhr |
Beim akuten Koronarsyndrom, einer Durchblutungsstörung des Herzens, darunter auch der Herzinfarkt, zeigten Frauen eine andere Symptomatik und Pathophysiologie – »das wissen die meisten«, sagte die Kardiologin. Statt Brustschmerzen dominierten die Symptome Atembeschwerden, Fatigue, Leistungseinschränkung, vegetative und gastrointestinale Beschwerden, Schweißausbrüche, aber auch Schmerzen etwa am Rücken oder Oberbauch.
Frauen mit Herzinfarkt erhalten oft zunächst eine nicht kardiologische Fehldiagnose. / © Getty Images/Halfpoint Images
Die Folge der untypischen Symptome: Frauen stellten sich später in der Klinik vor als Männer und würden auch deutlich später reperfusioniert, also der Blutfluss wiederhergestellt. Sie hätten zudem eine geringere Chance, zeitgerecht ein EKG zu bekommen (um 36 Prozent) und eine höhere Chance als Männer, eine nicht kardiologische Fehldiagnose zu erhalten (53 versus 36 Prozent).
Bei Frauen liege häufiger eine nicht obstruktive Läsion vor. So sind die sogenannten MINOCA (Myocardial Infarction with non-obstructive Coronary Arteries), bei denen trotz Infarktzeichen keine hochgradige Verengung der Koronararterien vorliegt, häufig.
Auch bei Herzinsuffizienz zeigen sich Unterschiede zwischen den Geschlechtern. So tritt die Herzinsuffizienz mit erhaltener Pumpfunktion (HFpEF) bei Frauen doppelt so häufig auf wie bei Männern und geht häufiger auf Bluthochdruck, Adipositas und eine diastolische Dysfunktion zurück. Frauen sprächen auch anders auf Therapien an als Männer. So hätten die Angiotensin-Rezeptor-Neprilysin-Inhibitoren (ARNI) bei (jüngeren) Frauen anders als bei Männern einen deutlichen Vorteil gezeigt, Gleiches gelte für die SGLT2-Inhibitoren.
Böttger stellte auch Daten aus der eigenen Arbeitsgruppe an der Justus-Liebig-Universität in Gießen vor. Mit dem Team hatte sie anhand von Daten zu 166.000 Menschen aus kardiologischen Praxen in Deutschland untersucht, ob es Unterschiede in Bezug auf die Initiation einer antithrombotischen Therapie bei Patienten mit Vorhofflimmern gibt. Das Ergebnis: Frauen erhielten signifikant seltener eine antithrombotische Therapie als Männer (13,2 versus 15,5 Prozent).
Zudem hatte die Arbeitsgruppe auch Patientinnen und Patienten mit infarktassoziiertem kardiogenem Schock untersucht. Die Analyse zeigte eine deutlich höhere Mortalität bei Frauen – mit 48 versus 40 Prozent, berichtete Böttger (»Heart & Lung« 2026). Auch ein akutes Nierenversagen tritt in der Folge bei Frauen häufiger auf.
Die Daten insgesamt sprächen dafür, dass Frauen in Studien noch stärker repräsentiert sein sollten und die Auswertung auch nach Geschlecht erfolgen sollte. Klinisch sollten gerade unspezifische Symptome bei Frauen kardiologisch eingeordnet werden und die untypische Symptomatik stärker berücksichtigt werden. Außerdem sei es wichtig, die klassischen Risikofaktoren wie Adipositas, Bluthochdruck und Rauchen früher und konsequenter zu behandeln, weil sie bei Frauen eine hohe prognostische Relevanz haben. Zudem sollten Studien und Register systematisch geschlechtsspezifisch ausgewertet werden, sagte sie. »Wenn wir das Geschlecht nicht berücksichtigen, entsteht keine Neutralität, sondern eine strukturelle Benachteiligung von Frauen.«