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Arzneimittel-Lieferengpässe

EU-Parlamentsausschuss fordert »europäische Notfallapotheke«

Auch in der EU-Politik spielt das Thema Arzneimittel-Lieferengpässe eine immer größere Rolle. Der Umwelt- und Gesundheitsausschuss des EU-Parlaments hat einen Bericht verabschiedet, in dem die EU-Kommission aufgefordert wird, eine »europäische Notfallapotheke« zu etablieren. Außerdem sollten Rabattverträge nur noch an mehrere Hersteller vergeben werden.
Benjamin Rohrer
14.08.2020  10:05 Uhr

Seit dem 1. Juli dieses Jahres hat Deutschland die EU-Ratspräsidentschaft inne. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat mehrfach angekündigt, dass die Bundesregierung die Problematik der zunehmenden Arzneimittel-Lieferengpässe als einen Themenschwerpunkt in Brüssel platzieren will.

Aber auch schon vor der Ratspräsidentschaft Deutschlands hatten sich EU-Politiker zuletzt verstärkt diesem Thema gewidmet. Erste konkrete Handlungsvorschläge verabschiedete der EU-Parlamentsausschuss für Umwelt und öffentliche Gesundheit kürzlich in Form eines Berichts. Der Ausschuss hatte in den vergangenen Monaten an dem Bericht gearbeitet und der EU-Kommission darin nun mehr als 120 Vorschläge gemacht, mit denen die Liefersituation, die sich nicht nur in Deutschland deutlich verschlechtert hat, verbessert werden kann.

Mit Blick auf den Status quo beschreibt der Bericht, dass mehr als 80 Prozent der in der EU angewendeten Arzneimittelwirkstoffe in China und Indien hergestellt werden. 40 Prozent der in Europa verkauften Fertigarzneimittel stammen aus China und Indien – bei Paracetamol liegen demnach 60 Prozent der weltweiten Produktion in diesen beiden Ländern, bei Penicillin sind es sogar 90 Prozent.

Produktion zurück nach Europa

An mehreren Stellen empfehlen die EU-Abgeordneten der Kommission daher, dass die EU in Gesundheitsfragen unabhängiger werden sollte. Konkret sollen potenzielle Produktionsstandorte in der EU ermittelt werden, wobei »unentbehrlichen« Präparaten Vorrang eingeräumt werden soll, heißt es. Des Weiteren sollen Hersteller Anreize bekommen, wenn sie ihre Produktion in die EU verlagern. Die Mitgliedstaaten sollen aufgefordert werden, sich bei den Maßnahmen gegen Lieferengpässe abzustimmen und gemeinsame Initiativen auf den Weg zu bringen.

Zudem spricht sich der Gesundheits- und Umweltausschuss auch deutlich für ein zentrales Arzneimittellager für Europa aus. Dieses Zentrallager wird als »europäische Notfallapotheke« beschrieben, deren Nutzung transparent geschehen soll sowie für alle EU-Mitglieder gleichermaßen zugänglich sein soll. Diese »Notfallapotheke« müsse vorsichtig etabliert werden, die Verschwendung von Medikamenten müsse vermieden werden.

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