Pharmazeutische Zeitung online
EU-Zulassung

Erster Wirkstoff gegen Hepatitis D

Was vor rund 25 Jahren als Grundlagenforschung begann, führte nun zur EU-Zulassung: Anfang September soll Bulevirtid, der erste zugelassene Wirkstoff zur Behandlung der Hepatitis D, auf den deutschen Markt kommen.
Sven Siebenand
20.08.2020  15:30 Uhr

Hepatitis D tritt immer zusammen mit Hepatitis B auf. Das liegt daran, dass das D-Virus nicht in der Lage ist, eine eigene Virushülle herzustellen. Stattdessen benutzt es wie ein »Parasit des Parasiten« Bestandteile des B-Virus, um in die Leberzellen einzudringen.

In Deutschland gibt es vergleichsweise wenige Betroffene mit einer Hepatitis D-Infektion. Das liegt auch daran, dass hierzulande viele Menschen gegen Hepatitis B geimpft und damit auch vor Hepatitis D geschützt sind. Schätzungsweise sind etwa 6000 Menschen in Deutschland mit Hepatitis D infiziert, die Dunkelziffer könnte aber höher sein. Die chronische Hepatitis D ist die schwerste Form der Virushepatitiden. Die Patienten entwickeln oft innerhalb von fünf bis zehn Jahren einen Leberumbau bis hin zur Leberzirrhose. Bislang gab es keine zugelassene Therapie. Off label wurde zum Beispiel mit Interferon therapiert, das aber längst nicht bei allen Patienten anspricht.

Mit dem Orphan Drug Bulevirtid (Hepcludex® von Myr Pharmaceuticals) gibt es nun erstmals eine zugelassene Therapie für Patienten mit chronischer Hepatitis D. Das Präparat soll bei erwachsenen Patienten mit kompensierter Lebererkrankung zum Einsatz kommen.

Bulevirtid ist ein Entry-Inhibitor, der den Eintritt von Hepatitis-D- und B-Viren in die Leberzellen blockiert. Möglich wird dies über Bindung und Hemmung des Natrium-Taurocholat-Cotransporters (NTCP). Dieser ist vor allem für die Aufnahme von Gallensalzen in die Zellen wichtig, aber auch die Viren benötigen ihn für den Eintritt in die Zelle.

Doch wie wirkt Bulevirtid, obwohl eine Infektion schon passiert und das Virus bereits in den Zellen ist? »Das Virus muss, um langfristig überleben zu können, kontinuierlich gesunde Leberzellen befallen, weil die erkrankten entweder absterben oder vom Immunsystem eliminiert werden«, erklärt Professor Dr. Stephan Urban vom Universitätsklinikum Heidelberg in einer Pressemeldung. Gemeinsam mit seinem Team hat Urban das Medikament in 25-jähriger Forschungsarbeit entwickelt.

In der infizierten Leber teilen sich die Leberzellen laut Urban offensichtlich sehr rasch. Das Medikament schütze die neuen, jungen Leberzellen vor einer Infektion, während die infizierten Zellen eliminiert würden. »Unsere klinischen Studien zeigten, dass Hepcludex in sehr geringer Konzentration wirksam ist, sodass der Gallensalztransporter weiterhin seinen Aufgaben in der Zelle nachgehen kann«, fügt Urban hinzu.

Die empfohlene Dosis von Bulevirtid beträgt täglich eine subkutane 2-mg-Injektion. Das Mittel kann allein oder in Kombination mit einem Wirkstoff zur Behandlung der Hepatitis-B-Infektion angewendet werden. Bulevirtid kann zum Beispiel in den Oberschenkel oder in den Bauch injiziert werden. Sehr häufig beobachtete Nebenwirkungen waren Reaktionen an der Injektionsstelle und erhöhte Gallensäure-Konzentrationen im Blut.

Da – wie beschrieben – auch Hepatitis-B-Viren den NTCP-Transporter für den Zelleintritt verwenden, wirkt Bulevirtid auch als Hepatitis-B-Mittel. Inzwischen wurde der Wirkstoff in Kombination mit Interferon alpha getestet – mit großem Erfolg. »Nach 48 Wochen Behandlung war die Viruslast stark reduziert und bei einem Teil der Patienten waren alle Virusmarker nachhaltig verschwunden«, so Urban.

Da es jedoch bereits etablierte Therapien gegen Hepatitis B gibt, sind die Voraussetzungen für eine beschleunigte Zulassung nicht gegeben und Hepcludex kann zunächst nur bei Patienten eingesetzt werden, die von einer doppelten Infektion besonders schwer betroffen sind. Laut Urban wird es aber sehr interessant sein, zu prüfen, ob die Kombination von Bulevirtid mit einem Immunmodulator auch bei Hepatitis-B-Patienten ohne Co-Infektion mit den D-Viren zu einem kurativen Therapieverlauf führen kann.

Mehr von Avoxa