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Kontrazeptiva

Erste Antibabypille mit Estetrol kommt

Ab dem ersten Juli ist in Apotheken ein neues hormonelles Kontrazeptivum unter dem Namen Drovelis® erhältlich. Was steckt hinter dem neuen Präparat?
Carolin Lang
15.06.2021  07:00 Uhr

Das KombinationspräparatDrovelis enthält neben dem bekannten Gestagen Drospirenon (3 mg) auch Estetrol (14,2 mg), ein bioidentisches Estrogen, das damit erstmalig in einem Arzneimittel zum Einsatz kommt. Die Indikation ist bislang auf die orale Kontrazeption beschränkt.

Die neue Antibabypille unterscheidet sich von bisherigen Kombinationspräparaten also in der Estrogen-Komponente, die bislang zum Beispiel durch Ethinylestradiol oder Estradiol vertreten war. »Estetrol ist ein physiologisch vorkommendes Estrogen, dessen biologische Funktion jedoch bislang nicht abschließend geklärt ist«, erklärte der Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe Dr. Ludwig Baumgartner bei der Launch-Pressekonferenz des Herstellers Gedeon Richter. Bekannt sei jedoch, dass Estetrol ab der neunten Schwangerschaftswoche von der Leber des Fötus produziert werde und über die Plazenta in den mütterlichen Kreislauf gelange.

Wirkung und Anwendung von Drovelis

Die kontrazeptive Wirkung von Drovelis beruht primär auf der Ovulationshemmung, für die vor allem das Gestagen Drospirenon verantwortlich ist. Estetrol dient hingegen vorrangig der Stabilisierung des Menstruationszyklus, also um unerwünschte Blutungen zu verhindern.

Im Vergleich zu anderen Estrogenen wie Estradiol und Ethinylestradiol habe Estetrol eine geringe Affinität zu Estrogenrezeptoren (ER) und binde mit einer fünfmal höheren Affinität an ERα als an ERβ, berichtete Baumgartner über den Wirkstoff. Dieser wirke zudem selektiv in verschiedenen Geweben, nämlich als Agonist am nukleären ERα sowie als Antagonist am membranständigen ERα. So blockiere Estetrol direkt über den Membranrezeptor die Ovulation. »Für die Ovulationshemmung war sonst immer nur die Gelbkörperkomponente verantwortlich. Nun ist ein zusätzlicher Puffer eingebaut, was zu weniger Durchbruchsovulationen führt«, sagte der Gynäkologe. Als tatsächlichen Pearl Index gibt Gedeon Richter 0,44 an.

Das Molekül trägt, ausgehend von ß-Estradiol, zwei zusätzliche OH-Gruppen an C15 und C16 und unterscheidet sich von anderen Estrogenen in seinem endokrinen und metabolischen Profil. Es ist ein Endprodukt des Steroidmetabolismus und wird nicht über Cytochrom-P-450-Enzyme metabolisiert. Daher könnte es im Vergleich zu anderen Estrogenen weniger Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln aufweisen, heißt es seitens des Herstellers. Das Hormon hat mit einer durchschnittlichen Plasmahalbwertszeit von etwa 24 Stunden eine vergleichsweise lange Halbwertszeit und besitzt eine Bioverfügbarkeit von 90 Prozent. Die Ausscheidung erfolgt hauptsächlich über den Urin.

Drovelis folgt dem 24/4-Einnahmeschema, das heißt auf 24 aktive Filmtabletten (rosa) folgen vier Placebos (weiß). Beginnend mit dem ersten Zyklustag wird an 28 aufeinanderfolgenden jeweils ungefähr zur gleichen Uhrzeit Tagen eine Tablette eingenommen. Das Präparat ist zunächst als Ein- oder Dreimonatspackung (also mit 28 oder 84 Tabletten) erhältlich.

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