Pharmazeutische Zeitung online
Medikationsmanagement

Ein Blick über den Ärmelkanal

Viele Patienten, die mehrere Arzneimittel anwenden, benötigen die Unterstützung ihrer Apotheke. Doch auch Patienten, die auf eine neue Dauermedikation eingestellt werden, können davon profitieren. Das zeigen Erfahrungen aus Großbritannien.
Maria Pues
18.07.2019
Datenschutz bei der PZ

Neben den »Essential Services« wie der Belieferung von Rezepten sowie von Wiederholungsverordnungen ohne erneuten Arztkontakt und der Unterstützung bei der Selbstmedikation, die von allen britischen Apotheken angeboten werden, gibt es verschiedene »Advanced Services«. Zu diesen gehören der New Medicine Service (NMS) für Patienten, die eine neue Dauermedikation erhalten, und der Medicines Use Review (MUR) für Patienten, die mehrere Arzneimittel anwenden. Was diese Dienstleistungsangebote beinhalten, erklärte Apothekerin Eva Goebel, Berlin, im Rahmen des AMTS-Symposiums der Apothekerkammer Nordrhein in Jüchen. Einen Unterschied zur Apotheke in Deutschland vorab: Die Leistungen werden vom britischen Gesundheitssystem NHS honoriert.

Erhält ein Patient aus einer bestimmten Zielgruppe die Verordnung über eine neue Dauermedikation, kann ihm die Apotheke bei der Abgabe ein NMS anbieten. Angesprochen werden sollen dabei Patienten mit Asthma, chronischer Bronchitis oder COPD, Typ-2-Diabetes oder Bluthochdruck sowie Patienten, die Gerinnungshemmer neu anwenden. Der NMS umfasst dabei zwei strukturierte Gespräche, bei dem die Anwendung des Arzneimittels und mögliche Probleme ausführlich besprochen werden. Das erste Gespräch findet circa zwei Wochen nach Abgabe des Arzneimittels statt; ein zweites nach circa vier Wochen. Ziel des NMS ist es, die Adhärenz und das Therapieverständnis beim Patienten zu fördern sowie Nebenwirkungen und Probleme bei der Anwendung des neuen Arzneimittels zu erkennen und frühzeitig zu handeln. Der Hintergrund ist: »Zwei Drittel der Probleme mit einem neu verordneten Arzneimittel treten zu ­Beginn der Therapie auf«, erläuterte die Referentin. Dem wolle man begegnen. Die Universität Nottingham begleitet den Service wissenschaftlich.

Auch beim MUR stehen Adhärenz, Therapieverständnis, die Anwendung des Arzneimittels und mögliche Nebenwirkungen im Fokus. Er beinhalte aber beispielsweise keine Prüfung auf mögliche Wechselwirkungen wie bei einem Full Medication Review, informierte Goebel. Als Zielgruppen für ein MUR hat der NHS definiert: Patienten, die mit einer neuen Medikation aus dem Krankenhaus entlassen werden, Patienten, die Risiko-Arzneimittel (aus den Gruppen NSAR, Diuretika, Antithrombotika) einnehmen, Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen oder kardiovaskulärem Risiko bei mindestens vier Arzneimitteln sowie Patienten mit Asthma und COPD. Bei Entlass-Patienten sollte innerhalb von vier Wochen ein MUR durchgeführt werden.

Akkreditierung erforderlich

Darüber hinaus können Apotheken auch bei anderen Patientengruppen ein MUR durchführen, wenn sie dies als sinnvoll erachten. Idealerweise spreche man sich dabei mit den Arztpraxen oder den lokalen NHS-Teams ab, sagte Goebel. 70 Prozent der MURs müssten jedoch bei Patienten aus den definierten Zielgruppen durchgeführt werden. Voraussetzung für ein MUR ist außerdem, dass der Betreffende seit mindestens drei Monaten Patient in der entsprechenden Apotheke ist. Und auch die Apotheke muss bestimmte Voraussetzungen erfüllen: Sowohl die Apotheke als auch der Apotheker müssen hierfür akkreditiert sein. Die erforderliche Fortbildung kann in Form eines Fernkurses durchgeführt werden und wird mit einer Online-Prüfung abgeschlossen.

Rund 20 bis 30 Minuten dauert Goebel zufolge ein solches Gespräch, das in einem gesonderten Raum stattfindet. Vergütet wird ein MUR mit 28 britischen Pfund (etwa 31 Euro). Maximal acht Reviews pro Woche und 400 Reviews im Jahr darf eine Apotheke abrechnen. Circa 9000 Apotheken bieten diesen »Advanced Service« an, das entspricht 80 bis 90 Prozent der britischen Apotheken. 

Mehr von Avoxa