| Jennifer Evans |
| 26.05.2026 12:00 Uhr |
Sozialstudie Trickfilm: Kinder müssen soziale Kategorien zunächst erkennen und verstehen lernen. Erst danach können sie diese hinterfragen. / © Shutterstock/Pixel-Shot
Mädchen sind fürsorglich, Jungen mutig – Stereotype in Kindermedien prägen schon früh die Sicht auf die Welt – und damit auch Vorstellungen über Geschlechterrollen, Herkunft oder soziale Gruppen. Studien zeigen, dass solche Darstellungen in Filmen, Serien, Büchern oder Zeitschriften für Kinder noch immer sehr präsent sind. Problematisch ist aus medienwissenschaftlicher Sicht, dass die Kleinen die Eigenschaften der Figuren und deren Geschichten häufig unkritisch übernehmen.
Ein auffälliges Muster ist das sogenannte »Schlumpfine«-Prinzip, abgeleitet aus der Serie »Die Schlümpfe«. Es beschreibt die Konstellation, wenn in einer Gruppe von Hauptcharakteren nur eine weibliche Hauptfigur vorkommt. Während die männlichen Figuren alle eine eigene Persönlichkeit haben, gilt die weibliche Darstellerin als Ausnahme, die oft nur in Beziehung zu den Männern existiert.
Meist ist sie über ihr Geschlecht definiert, also hübsch, lieb und mütterlich – oder wird einfach als »das Mädchen der Truppe« bezeichnet. Das trifft auf Miss Piggy aus der »Muppet Show« genauso zu wie auf Daisy bei »Donald Duck« oder Gabi in »TKKG«. Auch die Detektiv-Geschichten von »Die drei Fragezeichen« sind von Jungen domniert; Mädchen kommen lediglich am Rande vor.
Ein weiteres Prinzip aus der Genderforschung nennt sich »Damsel in Distress«, auch als »Jungfrau in Nöten« bezeichnet. Dabei retten männliche Helden eine weibliche Figur, die oft hilfsbedürftig wirkt. Dieses Motiv findet sich in vielen klassischen Märchen wie »Schneewittchen« oder »Dornröschen« wieder. Medienforschende kritisieren, dass solche Rollenbilder Kindern vermitteln könnten, Jungen seien aktiv und mutig, während Mädchen passiv und abhängig seien.
Während die Abenteuerromane von Enid Blyton oder Astrid Lindgren schon mit vielen Klischees brechen und auf starke Mädchenfiguren setzen wie Georgina in »Fünf Freunde« oder »Pippi Langstrumpf«, bleiben sie aber bei Nebencharakteren oder anderen Themen den Stereotypen verhaftet. So sind etwa Blytons Bäuerinnen und Köchinnen meist mollig, Verbrecher in der Regel unhöflich und unrasiert. Und Lindgrens Pippi träumt davon, einmal »Negerprinzessin« zu werden oder erklärt, dass die Menschen im Kongo »den ganzen Tag lügen« und rechtfertigt damit ihr eigenes Verhalten gegenüber ihren Freunden.
Darüber hinaus kennt die Wissenschaft das »Tokenismus«-Konzept. Damit ist gemeint, dass einzelne Akteure aus Minderheitenkulturen zwar in die Handlung eingebaut sind, aber kaum echte Tiefe besitzen und allein die Funktion haben, Diversität zu symbolisieren. In einigen Fällen kippt die Darstellung ins Rassistische. Im Fall von »Peter Pan« entschuldigte sich Disney bereits für die Bezeichnung »Rothäute« amerikanischer Ureinwohner. In »Dumbo« kommt der Stereotyp eines tanzenden und singenden schwarzen Manns vor. Auch trällern in dem Trickfilm Schwarze Menschen ein Sklaven-Lied, während sie ein Zirkuszelt aufbauen.
Ein weiterer Typus ist der »Magical Negro«. Er trifft oft als (spiritueller) Helfer des weißen Protagonisten auf. Ein Beispiel ist der Superheld Frozone aus den Animationsfilmen »Die Unglaublichen« oder Azeem in »Robin Hood«. Auch »Model Minorities« finden sich in Kindermedien. Das sind Minderheitengruppen, die sich über ihre ethnische Zugehörigkeit oder Hautfarbe definieren und als intelligenter oder leistungsorientierter gelten als andere Gruppen. Sie sollen ein Vorbild sein. Oft handelt es sich um asiatische Nebenfiguren, die außergewöhnlich klug, fleißig, diszipliniert und technisch begabt daherkommen. Dieser Typus reduziert Asiatinnen und Asiaten oft allein auf Leistung und Erfolg, so die Kritik.
Werden weibliche Figuren aus der Perspektive eines heterosexuellen männlichen Blickwinkels dargestellt, sprechen Filmforschende vom sogenannten »Male Gaze«. Die Frauen sind dann eher ein Objekt als eine eigenständig handelnde Figur. Das findet sich bei der »Meerjungfrau« Ariel oder bei Jasmine in »Aladdin«. Beide ziehen mit großen Augen und bauchfreiem Outfit die Aufmerksamkeit auf sich.
Diese Konzepte helfen Forschenden, Muster in Medien sichtbar zu machen und kritisch zu analysieren, wie Kinder gesellschaftliche Rollenbilder wahrnehmen. Der Druck auf Produzenten ist groß, mehr Diversität in ihre Charaktere und Lebenswelten zu integrieren. Das Gute: Untersuchungen aus der Medienpädagogik haben gezeigt: Kinder können ab einem bestimmten Entwicklungsgrad lernen, Inhalte kritisch zu hinterfragen – vorausgesetzt, Eltern, Familien und Lehrkräfte sensibilisieren sie dafür.