| Alexander Müller |
| 11.06.2026 11:21 Uhr |
Zum Festakt zum 75-jährigen Bestehen des BPI gab es etliche Grußworte. Auch Ex-Verteidigungsminister Thomas de Maizière gratulierte und stellte in seiner Keynote die »Initiative für einen handlungsfähigen Staat« vor. / © PZ/Müller
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) lobte den BPI in ihrer Videobotschaft für die gute Zusammenarbeit etwa bei der »Initiative Gute Gesundheit 2030« oder der Entwicklung einer eigenen Sicherheitsstrategie für den Kriegs- und Krisenfall. »Solche Projekte machen deutlich, dass die Expertise des Verbandes weit über den pharmazeutischen Bereich hinaus wirkt.«
Auch in den Pharma- und Medizintechnik-Dialog der Bundesregierung bringe sich der BPI ein. Das gemeinsame Ziel sei klar. »Deutschland soll ein starker Pharma-Standort bleiben in Forschung, Entwicklung und Produktion.« Die Ministerin wies auf das Spannungsfeld hin: Die Unternehmen benötigten für Investitionen verlässliche Rahmenbedingungen, gleichzeitig stehe die Gesetzliche Krankenversicherung vor erheblichen finanziellen Herausforderungen.
»Ein starkes Gesundheitssystem braucht nicht nur medizinischen Fortschritt, sondern auch finanzielle Stabilität und Verlässlichkeit«, so Warken. »Beitragsstabilität und Innovation sind keine Gegensätze.« Ein leistungsfähiges Gesundheitssystem brauche beides. Der Pharma- und Medizintechnik-Dialog solle dabei helfen: Genehmigungsprozesse beschleunigen, klinische Studien attraktiver machen und die Resilienz der Arzneimittelversorgung erhöhen.
Auf beschleunigte Prozesse ging auch Ex-Verteidigungsminister Thomas de Maizière ein. Er stellte in seiner Keynote die »Initiative für einen handlungsfähigen Staat« vor. Ziel der parteiübergreifenden Initiative ist es, Reformprozesse wirksamer zu gestalten und die Handlungsfähigkeit der Verwaltung zu erhöhen – etwa in den Bereichen Digitalisierung, Bürokratieabbau und Gesetzgebung.
Der Gesetzgeber müsse und dürfe auch abwägen zwischen Pauschalierung und Einzelfallregelung. Gerade im Krisenfall könne man nicht mehr über Zuständigkeiten sprechen. Als großes Problem sieht de Maizière die langatmigen Genehmigungsprozesse.
Vorschlag der Initiative: »Lasst uns doch mal schauen, welche Verfahren ohne Genehmigungsverfahren gehen.« Die Unternehmen hätten eine Anzeigepflicht, und wenn die Behörde nicht einschreite, sei das Projekt genehmigt. Alternativ sei eine Frist zur Genehmigung, nach deren Ablauf sie als erteilt gelte – die sogenannte Genehmigungsfiktion. »Wenn wir das systematisch machen, geht ein Aufatmen durchs Land«, so de Maizière.
Der BPI-Vorsitzende Oliver Kirst betonte die Bedeutung der Pharmaindustrie für die Wirtschaft mit rund 8 Millionen Arbeitsplätzen und 12,5 Prozent Anteil an der Gesamtbruttowertschöpfung. »Unsere Industrie ist Innovationstreiber, Wirtschaftsmotor und Garant für eine hochwertige Arzneimittelversorgung.«
In einem »besorgniserregenden Trend der Deindustrialisierung« hierzulande sei die Pharmaindustrie »eine der letzten Zukunftsbranchen des Landes«. Die Politik müsse aber auch die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass dies auch in Deutschland stattfinde.
Das GKV-Spargesetz sei nicht zu Ende gedacht, so Kirst. Wenig werde mit dem Gesetz besser, es werde primär billiger, betonte der BPI-Vorsitzende. Das umstrittene Vorhaben wird morgen in Bundestag und Bundesrat beraten. »Ein 1 Euro höherer Zwangsrabatt führt zu 3,80 Euro weniger Wertschöpfung«, so Kirst. Das sei auch aus sicherheitspolitischer Perspektive relevant. Mit dem GKV-Spargesetz ist unter anderem ein zusätzlicher, dynamischer Herstellerabschlag geplant.
Der BPI-Vorsitzende warnte vor dem Risiko der Abhängigkeit von Asien, insbesondere China, bei der Wirkstoffproduktion. Europa sei doppelt unter Druck, weil China auch bei Innovationen stark aufholt. Hinzu komme die Abhängigkeit vom USA-Markt bei den Exporten. Ein 10-Punkte-Plan des BPI soll der Politik die Bedeutung der Arzneimittelproduktion für die Sicherheit des Landes in Erinnerung rufen.
ABDA-Präsident Thomas Preis betonte, ein Jubiläum sei nicht nur eine gute Gelegenheit, zurückzuschauen, »sondern auch miteinander darüber zu sprechen, wie wir die Arzneimittelversorgung in Deutschland gemeinsam sichern und stärken können«.
In 75 Jahren habe der BPI politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen »begleitet, mitgeprägt und angestoßen«. Auch die ABDA konnte im vergangenen Jahr ihr 75-jähriges Jubiläum feiern. Insofern gebe es nicht nur fachliche Schnittmengen, sondern auch biografische Parallelen.
Wichtiger Berührungspunkt sei etwa die Rote Liste gewesen, das umfassende Standardwerk für Arzneimittel. Auch die Initiative zu dem Satz »Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker« sei ein starkes öffentliches Signal für die Rolle der Apotheken gewesen. »In gewisser Weise hat dieser Satz auch das Selbstverständnis unseres Berufs mitgeprägt: weg vom reinen Abgabebild, hin zum beratenden Heilberuf«, so Preis.
Natürlich würde heute nicht mehr jedes Arzneimittel in der Apotheke selbst hergestellt. Aber die Abgabe von rund 900 Millionen Packungen und die zentrale Aufgabe der Arzneimittelversorgung könnten die Apotheken nur erfüllen, wenn sie sich auf qualitativ hochwertige Arzneimittel zuverlässiger Hersteller verlassen könnten. Pharmazeutische Industrie und Apotheken würden unterschiedliche Verantwortung tragen, verfolgten aber ein gemeinsames Ziel: »Patientinnen und Patienten müssen die Arzneimittel erhalten, die sie brauchen, sicher, schnell und in der notwendigen Qualität.«
Der scheidende Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), Josef Hecken, lobte, dass sich der BPI auch für die Sicherheit der Patienten eingesetzt habe. Auch wenn BPI und G-BA gegensätzliche Auffassungen hätten, teilten beide das Interesse an fairen Rahmenbedingungen für eine gute Arzneimittelversorgung. Der G-BA müsse auf Kosten achten, die Industrie habe naturgemäß oft andere Auffassungen. Man habe sich aber stets auf ein »faires, konstruktives, belastbares Miteinander« verlassen können.
Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), nannte das Jubiläum ein Zeichen für eine »beeindruckende Entwicklung« und die nachhaltige Stärkung des Pharmastandorts Deutschland. Die Pharmaindustrie übernehme Verantwortung für die Patientinnen und Patienten und deren Zugang zu wirksamen und innovativen Arzneimitteln. Beim medizinischen Fortschritt müsse stets der Patientennutzen im Fokus stehen. Produktionskapazitäten und Anbietervielfalt müssten erhalten werden.
Es gelte, strategische Abhängigkeiten zu reduzieren. Reinhardt betonte zudem die Bedeutung stabiler Selbstverwaltungsstrukturen. Hier würden Lösungen nicht allein staatlich vorgegeben, sondern entstünden aus der Praxis heraus, unterstrich der BÄK-Präsident.
Thomas Sudhop, Leiter der Abteilung 10 »Informationstechnik / Klinische Prüfung« beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), lobte den Austausch beim anhaltenden Problem der Lieferengpässe, die kein Randthema mehr seien. Der BPI ist Mitglied im BfArM-Beirat, der die Versorgungslage beobachtet und bewertet. Die Zusammenarbeit zeige, dass es »nicht um Zuständigkeitsabgrenzung geht, sondern um koordinierte Verantwortung«, so Sudhop.
Generaloberststaatsarzt Ralf Hoffmann sprach in Berlin ebenfalls über Resilienz. Die Arzneimittelproduktion sei mehr als ein Wirtschaftszweig. Verteidigungsfähigkeit sei keine rein militärische Aufgabe. Deutschland müsse in dieser Zeit resilienter werden, auch im Gesundheitswesen. Das betreffe nicht nur Personal und Kompetenz, sondern auch Arzneimittel und Medizinprodukte. »Eine Diagnose ohne Therapie ist wertlos.«