| Sven Siebenand |
| 10.07.2026 18:00 Uhr |
Um Infektionen mit Hantaviren zu behandeln, kommen verschiedene Ansätze infrage. Derzeit gibt es noch kein spezifisches zugelassenes Medikament, es wird aber daran geforscht. / © Getty Images/Connect Images RF/Andrew Brookes
Rund 150 Menschen aus 23 Ländern waren auf der »Hondius«, als es zum Hantavirus-Ausbruch kam. Nun ist der Ausbruch nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) beendet. Die Vergangenheit lehrt aber, dass es in regelmäßigen Abständen zu Ausbrüchen kommt. Daher bleibt die Frage nach spezifischen Medikamenten und Impfstoffen gegen Hantaviren weiterhin aktuell.
Dr. Hannah S. Schwarzer-Sperber und Dr. Roland Schwarzer arbeiten als Virologen an der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen. Beide betonen gegenüber der PZ, dass sie nicht diagnostisch oder klinisch behandelnd tätig sind und ihr Metier die Grundlagenforschung und die translationale Forschung sind. Auf dem Gebiet der Hantaviren sind die beiden aber dennoch geschätzte Experten, und sie wissen, welche Medikamente in der Pipeline sind und wo die Impfstoffentwicklung steht.
Dr. Hannah S. Schwarzer-Sperber / © privat
Bislang gibt es keine spezifischen Antiviralia gegen Hantaviren. Aus virologischer Sicht wären den Experten zufolge naheliegende Targets die virale RNA-Polymerase und Schritte des Viruseintritts beziehungsweise der Membranfusion. Beispielsweise Favipiravir, ein Wirkstoff, der als Grippemittel entwickelt wurde und während der Coronavirus-Pandemie immer mal wieder als Therapieoption gegen SARS-CoV-2 im Gespräch war, greife höchstwahrscheinlich an der RNA-Virus-Replikation an und zeige in Zellkultur- und Tiermodellen Aktivität gegen verschiedene Hantaviren (DOI: 10.1128/AAC.00886-13).
Als Problem sehen die Forschenden grundsätzlich das therapeutische Zeitfenster, da antivirale Wirkstoffe vermutlich schon sehr früh eingesetzt werden müssen, um die Virusvermehrung entscheidend zu beeinflussen. Bei bereits fortgeschrittener Erkrankung reiche eine reine Hemmung der Virusvermehrung vermutlich nicht mehr aus. Klinisch sei das aber nicht abschließend geklärt.
Bei den Wirtszell-gerichteten Therapien sei Drug Repurposing möglicherweise eine schlaue Idee. Beispielsweise könnten Kinasehemmer interessant sein, weil Hantaviren Signalwege der infizierten Zelle, die Endothelfunktion und die Gefäßpermeabilität beeinflussen. Einzelne Ansätze, etwa über VEGFR2- und Src-Signalwege, hätten in Modellen Effekte gezeigt (DOI: 10.1128/JVI.02319-10).
Eine klinische Empfehlung könne man daraus aber noch nicht ableiten. »Solche Substanzen können potenziell auch relevante Nebenwirkungen haben, und bei schwer kranken Patienten ist das Nutzen-Risiko-Verhältnis nicht trivial«, betonen die Experten.
Dr. Roland Schwarzer / © Stiftung Universitätsmedizin/Mirko Raatz
Auch der beim hereditären Angioödem zugelassenen Wirkstoff Icatibant sei mechanistisch plausibel, weil eine Bradykinin-vermittelte Gefäßpermeabilität bei schwerer Hantavirus-Erkrankung eine Rolle spielen könnte. Es gebe positive Fallberichte mit dem Bradykinin-Antagonisten, unter anderem bei schwerer Puumala-Virus-Infektion, aber das sei kein belastbarer Wirksamkeitsnachweis. Die beiden Virologen ordnen Icatibant daher als interessanten, aber bislang nicht ausreichend validierten Ansatz ein (DOI: 10.3109/00365548.2012.755268).
Und was ist mit Corticoiden zur Entzündungshemmung? Mit Aussagen zu Corticoiden muss man den beiden Experten zufolge vorsichtig sein. Beim Andes-Virus-assoziierten Hantavirus-induzierten kardiopulmonalen Syndrom (Kasten) sei hoch dosiertes Methylprednisolon in einer randomisierten Studie geprüft worden (DOI: 10.1093/cid/cit394). »Es schien zwar nicht klar schädlich zu sein, zeigte aber auch keinen überzeugenden klinischen Nutzen. Daraus folgt nicht, dass Corticoide in jeder denkbaren Situation falsch sind, aber es spricht gegen eine einfache Aussage wie ›Entzündungshemmung mit Steroiden hilft bei Hantavirus-Erkrankung‹«, lautet die Einschätzung.
Hantaviren sind behüllte RNA-Viren aus der Familie der Hantaviridae, die überwiegend durch Nagetiere übertragen werden. Menschen infizieren sich meist über virushaltigen Staub, der Urin, Kot oder Speichel infizierter Tiere enthält. Je nach Virustyp können sie grippeähnliche Beschwerden, schwere Nierenerkrankungen oder lebensbedrohliche Lungenerkrankungen verursachen. In Deutschland ist vor allem das von der Rötelmaus übertragene Puumala-Virus verbreitet.
Das Andes-Virus, der Erreger bei den Fällen auf dem Kreuzfahrtschiff »Hondius«, stammt aus Südamerika. Hauptüberträger ist die Langschwanz-Zwergreisratte. Dieses Virus gilt als deutlich gefährlicher als die in Deutschland vorkommenden Hantaviren und kann insbesondere Lunge und Herz-Kreislauf-System schwer betreffen. Das vom Andes-Virus ausgelöste Hantavirus-induzierte kardiopulmonale Syndrom (HCPS/HPS) ist mit einer hohen Letalität verbunden, die häufig mit etwa 25 bis 40 Prozent angegeben wird.
Im Vergleich zur Wirkstoffsuche ist die Forschung bei Hantavirus-Impfstoffen schon etwas weiter vorangeschritten. In China und Südkorea wurden beziehungsweise werden inaktivierte Ganzvirus-Impfstoffe gegen hämorrhagisches Fieber mit renalem Syndrom (HFRS) eingesetzt, vor allem gegen dort relevante sogenannte Old-World-Hantaviren wie das Hantaan-Virus und das Seoul-Virus. Die Schutzwirkung und Übertragbarkeit auf andere Hantaviren seien allerdings begrenzt beziehungsweise nicht abschließend geklärt.
Für neuere Impfstoffplattformen gibt es den Forschenden zufolge klinische Daten aus Phase-I-Studien zu DNA-Impfstoffen, unter anderem gegen das Andes-Virus sowie gegen das Hantaan- und das Puumala-Virus (DOI: 10.1093/infdis/jiad235 und 10.1038/s41541-024-00998-7). Diese Studien zeigen Sicherheit und Immunogenität, also die Fähigkeit, Immunantworten auszulösen. »Ob und wie daraus breit eingesetzte Impfstoffe entstehen, ist aber eine andere Frage.« Ein universeller Hantavirus-Impfstoff wäre wissenschaftlich wünschenswert, sei aber derzeit nicht klinisch etabliert.
Ob eine Impfung sinnvoll ist, hänge zudem stark vom Einsatzszenario ab. Für die allgemeine Bevölkerung in Gebieten mit sehr niedriger Inzidenz wäre eine Impfung derzeit wahrscheinlich schwer zu begründen; für Hochrisikogruppen, Laborpersonal oder Menschen in Endemiegebieten könne diese Abwägung aber durchaus anders ausfallen.