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Weitere mRNA-Impfstoffe

Die Rennpferde im Stall von Biontech

Nach dem Durchbruch der mRNA-Impfstoffe in der Pandemie sind die Erwartungen an die neue Technologie hoch. Doch Selbstläufer sind mRNA-basierte Produkte nicht. Was in den kommenden Jahren zu erwarten ist, berichtete Biontech-Chef Ugur Şahin auf der Jahrestagung von »House of Pharma«.
Christina Hohmann-Jeddi
08.09.2021  16:30 Uhr

Das Mainzer Unternehmen Biontech hat zusammen mit seinem US-Partner Pfizer innerhalb eines Jahres eine mRNA-Vakzine gegen SARS-CoV-2 entwickelt und zur Zulassung gebracht. Comirnaty® war quasi zeitgleich mit dem Produkt des US-Unternehmens Moderna der erste mRNA-Impfstoff, der für Menschen eine Zulassung erhielt. Beide Impfstoffe wurden in bisher ungekannter Geschwindigkeit entwickelt, sind sicher und ausgesprochen effektiv. Nun sind die Erwartungen in weitere mRNA-Produkte groß.

Über die Entwicklung von Comirnaty und weitere mRNA-basierte Produkte in der Pipeline von Biontech sprach Firmenchef Professor Dr. Ugur Şahin am Dienstag bei der Jahrestagung der Initiative »House of Pharma«. Demnach arbeitet das Unternehmen derzeit unter anderem an Impfstoffen gegen HIV, Tuberkulosebakterien und Influenzaviren. Der bereits zugelassene Covid-19-Impfstoff stelle aber keine Blaupause für andere Vakzinen dar, bei der lediglich die mRNA-Sequenz an das jeweilige Target angepasst werden müsse, stellte Şahin klar. »Dafür ist die Biologie zu unterschiedlich.« Die Prüfverfahren müssten jeweils separat abgebildet werden.

Arbeit an mRNA-basierter Malariavakzine

Biontech hatte vor Kurzem angekündigt, einen mRNA-Impfstoff gegen Malaria zu entwickeln. Eine effiziente Vakzine gegen die Tropenkrankheit, an der jährlich weltweit etwa 600.000 Menschen sterben, wird dringend benötigt. Die Entwicklung war bislang aber erfolglos, weil die Erreger der Gattung Plasmodium schwierig zu adressieren sind: Sie haben einen komplexen Lebenszyklus, verstecken sich in Blutzellen und sind auch sehr wandelbar.

Es gebe keine Garantie, dass man mit einer mRNA nun einen wirksamen Impfstoff entwickeln könne, sagte Şahin. Er sei dennoch optimistisch, denn nach einigen Infektionen könnten Menschen immun gegen den Parasiten werden. »Das Problem ist also biologisch lösbar.« Wie bei jedem Erreger gelte es auch hier, die Achillesverse der Plasmodien zu entdecken und das geeignete Antigen für den Impfstoff auszuwählen. Hierzu stünden die Forschenden von Biontech mit Malariaexperten im Austausch. Man wolle mehrere Kandidaten präklinisch testen und später auch in die Klinik einbringen. Einen solchen breiten Ansatz hatte Biontech bereits bei seinem Covid-19-Impfstoff verfolgt. Bis Ende 2022 soll eine klinische Studie gestartet sein.

Das Unternehmen sei sich dabei seiner globalen Verantwortung bewusst, betonte der Mediziner. Die neue Technologie könne nicht nur gegen neue Ziele wie Tropenkrankheiten gerichtet werden, sie müsse auch in die betroffenen Regionen gebracht werden. Ziel des Malariaprojektes sei daher auch, in Endemiegebieten Produktionskapazität aufzubauen, sodass Impfstoff für Afrika in Afrika hergestellt werden könne.

Bei Covid-19 Ruhe bewahren

Die zugelassene Covid-19-Vakzine nutzt Biontech als Plattform für neue, an Virusvarianten angepasste Covid-19-Impfstoffe. Laut Şahin liefen zwei klinische Studien mit variantenspezifischen Abwandlungen von Comirnaty – eine gegen die Beta- und eine gegen die Delta-Variante. In diesem Fall könne die mRNA-Sequenz der Originalvakzine geändert werden, ohne dass erneut aufwendige klinische Prüfungen notwendig würden.

»Noch sind wir mit den Impfstoffen, die wir haben, aber sehr gut unterwegs«, so Sahin. Durch eine Boosterung mit den regulären Impfstoffen lasse sich der Antikörpertiter so weit anheben, dass ein Schutz gegen alle bislang bekannten Varianten bestehe. »Es gibt keine Supermutante, sie sich durch die Antikörper nicht mehr kontrollieren lässt«, stellte der Biontech-Chef klar. Man müsse die neu entstehenden Varianten genau untersuchen, gleichzeitig aber eine gewisse Ruhe bewahren, weil die verfügbaren Impfstoffe ihre Aufgaben gut lösten.

Ebenfalls in der Pipeline hat das Unternehmen eine Reihe von Krebstherapien: 14 Kandidaten werden inzwischen in 15 klinischen Studien getestet. Darunter befinden sich auch Phase-II-Studien, von denen eine zum malignen Melanom 2022 Ergebnisse liefern werde, so Şahin.

saRNA und taRNA statt mRNA

In Zukunft könne statt Boten-RNA (mRNA) auch selbstamplifizierende RNA (saRNA) in Therapeutika enthalten sein. Diese ähnelt der mRNA darin, dass sie für ein Protein von Interesse kodiert, zusätzlich kodiert sie aber auch für eine Replikase. Dieses Enzym vervielfältig in den Zielzellen einen Teil der mRNA, wodurch letztlich mehr Protein (das eigentliche Antigen) gebildet werden kann. Im Vergleich zur mRNA als »Ackergaul« sei die saRNA ein Rennpferd, sagte Şahin. In präklinischen Modellen liege die benötigte Impfstoffmenge bei saRNA um den Faktor 100 bis 1000 unter dem der mRNA.

Zudem arbeite man auch an einer Kombination der beiden RNA-Formen, der transamplifizierenden RNA (taRNA), bei der die zu amplifizierende mRNA von der mRNA für die Replikase getrennt ist, berichtete Sahin. Diese bringe einen weiteren Sicherheitsschritt mit. Noch seien die beiden RNA-Formen nicht so weit optimiert, dass man die ersten Kandidaten in klinischen Studien testen könne. »Aber dies könnte eine mögliche Zukunft der Pandemiebekämpfung sein«, sagte Şahin.

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