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Durchschnittsalter drei Jahre

Die Leber ist viel jünger als der Rest von uns

Wenn Menschen älter werden, gibt es ein Organ, das nicht mitaltert: die Leber. Forscher aus Dresden haben jetzt herausgefunden, dass die meisten Leberzellen auch bei Hochbetagten keine drei Jahre alt sind. Es gibt allerdings auch Zellen, für die das nicht gilt.
Annette Rößler
02.06.2022  15:00 Uhr

Dass die Leber das einzige Organ des Menschen ist, das sich nach einer Verletzung wieder regenerieren kann, gehört auch für medizinische Laien zur Allgemeinbildung. Immerhin findet diese Eigenschaft der Leber bereits in der griechischen Mythologie Erwähnung: Zeus kettete Prometheus zur Strafe dafür, dass dieser den Menschen das Feuer gebracht hatte, an einen Felsen und ließ ihm regelmäßig von einem Adler einen Teil der Leber aushacken. Diese Prozedur überlebte der Delinquent nur, weil seine Leber immer wieder nachwuchs.

Da der altgriechische Sagenschatz allerdings in der modernen Medizin keine valide Quelle darstellt, hat nun ein Team um Paula Heinke von der TU Dresden mit wissenschaftlichen Methoden das Alter der Leberzellen von jungen und alten Menschen untersucht. Die Gewebeproben seien von insgesamt 33 Personen gewonnen worden, die im Alter zwischen 20 und 84 Jahren gestorben waren, berichten die Forscher im Fachjournal »Cell Systems«. Das Team bestimmte das Alter der Zellen mittels retrospektiver Radiokohlenstoff-Geburtsdatierung und stellte fest, dass die meisten Hepatozyten unabhängig vom Alter des Menschen etwas unter drei Jahre alt waren.

»Egal, ob man 20 oder 84 Jahre alt ist, die Leber bleibt im Durchschnitt unter drei Jahre alt«, konstatiert Seniorautor Dr. Olaf Bergmann in einer Pressemitteilung der Universität. Allerdings fanden die Forscher eine Unterpopulation der Leberzellen, für die das nicht galt. Diese Zellen waren zum Teil bis zu zehn Jahre alt und hatten eine genetische Besonderheit: Sie wiesen mehr als den üblichen doppelten Chromosomensatz auf, waren also nicht diploid, sondern polyploid. »Die meisten unserer Zellen haben zwei Chromosomensätze, aber einige Zellen akkumulieren mit zunehmendem Alter mehr DNA. Am Ende können solche Zellen vier, acht oder sogar mehr Chromosomensätze tragen«, erklärt Bergmann.

Der Untersuchung zufolge nimmt der Anteil polyploider Zellen in der Leber im Laufe des Lebens zu. Laut Bergmann könnte das ein Schutzmechanismus sein, der den Menschen im Alter vor der Anhäufung schädlicher Mutationen bewahrt. »Wir müssen herausfinden, ob es ähnliche Mechanismen bei chronischen Lebererkrankungen gibt, die sich in einigen Fällen zu Krebs entwickeln können«, benennt er einen weiteren Forschungsgegenstand, der sich aus der aktuellen Arbeit ergibt.

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