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Faszienplastinat

Die Kunst des Geflechts

Faszien eine Bühne bieten – das hat das Körperwelten Museum Berlin kürzlich gemacht. Die Darstellung der Bindegewebsstrukturen gilt als bedeutende Arbeit für die internationale Wissenschaft.
Jennifer Evans
16.12.2021  10:00 Uhr

Faszien umgeben Knochen, Muskeln, Sehnen und Bänder. Das Netzwerk aus kollagenhaltigem und zum Teil lockerem oder dichtem Bindegewebe durchzieht den Menschen von Kopf bis Fuß und macht rund 20 Prozent seines Körpers aus. Jahrhundertelang haben Wissenschaftler dem Gewebe, das die Körperstrukturen miteinander verbindet, allerdings kaum Beachtung geschenkt. Erst seit ein paar Jahren ist dessen Bedeutung mit Blick auf Verletzung und Schmerz in den Fokus gerückt. Wegbereiter der modernen Faszienforschung ist der Humanbiologe Dr. Robert Schleip. Inzwischen hat in vielen Bereichen ein Umdenken stattgefunden – von Medizin über Fitness und Yoga bis hin zu Osteopathie und Physiotherapie.

Grund genug für das Team um den Mediziner und Anatom Dr. Gunther von Hagens, das faziale Gewebe einmal anschaulich zu machen. Das Ergebnis ist ein dreidimensionales Plastinat namens FR:EIA (Fascia Revealed: Educating Interconnected Anatomy), kürzlich präsentiert vom Berliner Körperwelten Museum. Insgesamt drei Jahre lang haben Anatomen, Wissenschaftler, Mediziner und Physiotherapeuten aus verschiedenen Ländern daran gearbeitet, das komplexe und fragile Netzwerk in Form eines Ganzkörperplastinats zu zeigen. Dabei steht das fasziale Bindegewebe im Mittelpunkt der Darstellung, anstatt nur als »unterstützendes Hintergrund- und Verpackungsorgan« zu fungieren, wie Schleip hervorhebt. Das Kunstwerk erachtet er als »eine historisch bedeutsame Erweiterung der konventionellen Anatomie« und lobt es als ein »einzigartiges Studienobjekt« für alle Mediziner, Therapeuten und Faszienexperten.

Die Kuratorin des Museums, Dr. Angelina Whalley, erinnerte bei der Enthüllung des Werks daran, dass bereits der italienische Universalgelehrte Leonardo da Vinci im Zusammenhang mit seinen Sezierungen darauf hingewiesen hatte, dass im menschlichen Körper alles mit allem in Verbindung steht. Die Erkenntnisse in der Faszienforschung belegten nun eindrucksvoll seine Beobachtungen, betonte sie.

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