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Kunst und Psyche

Die Krankheit im Bild

Erfahrungen von Trennung und Verlust verarbeitete Edvard Munch (1863-1944) in seinen Werken. Der norwegische Künstler war traumatisiert vom frühen Tod seiner Mutter und seiner Schwester, die beide an Tuberkulose starben. Der junge Edvard gab sich die Schuld an den Erkrankungen. Das war vier Jahre bevor der Mediziner Robert Koch den Erreger Mycobacterium tuberculosis als Auslöser von Tuberkulose identifizierte. Munchs extrem religiöser Vater berachtete das Unglück als göttliche Strafe und verfiel nach den Schicksalsschlägen in schwere Depressionen. Diese Erlebnisse beeinflussten Munchs Charakter und Schaffen stark, betont Harris. Immer wieder malte der Künstler Versionen von »Das kranke Kind«, eine Darstellung seiner bereits sterbenskranken Schwester Sophie. Die erste Fassung des Werks aus dem Jahr 1885/86 gilt als sein künstlerischer Durchbruch. Munchs Kunst habe sich bis zum Lebensende auf Krankheit, Angst und Tod fokussiert, so Harris. Höhepunkt waren vier Gemälden mit demselben berühmten Motiv: »Der Schrei«. Alle entstanden zwischen 1893 und 1910. Von dem rot schreienden Himmel breiten sich die anderen Farben wie Schallwellen über die Leinwand aus. Harris erläutert: »Der Schrei zeigt die Panik, die ein Individuum in völliger Isolation durchlebt.« Wie auch in vielen anderen von Munchs Arbeiten repräsentiere die Angst das Versagen der Liebe und das Gefühl der Entfremdung.

Furcht durchlebte Munch auch, als er sich mit der Spanischen Grippe infizierte. Die Pandemie von 1918/19 war der Anlass mehrerer Selbstporträts. Sie zeigen ihn während der Erkrankung erschöpft, ausgezehrt und teilweise im Delirium. Ein späteres Werk zeigt den Künstler während der Genesung. Das Krankenzimmer ist in dieser Abbildung inzwischen von wärmendem Tageslicht durchflutet. Doch als mahnende Erinnerung – auch für die rund 15.000 Norweger, die an der Grippe starben – stehe der als Kreuz gestaltete Fensterrahmen im Bildhintergrund, hebt Harris hervor. Obwohl Munch unter extremer emotionaler Instabilität litt, sei es ihm gelungen, seine Ängste in Kunst zu verwandeln, resümiert der Verhaltenswissenschaftler. Insbesondere erkenne er bei der Betrachtung die Verarbeitung von Angstattacken und psychosomatischen Störungen.

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