| Christina Hohmann-Jeddi |
| 09.09.2026 16:00 Uhr |
Ältere Menschen sind besonders von hitzebedingter Sterblichkeit betroffen – zu dieser Risikogruppe werden so gut wie alle lebenden Menschen irgendwann gehören. / © Getty Images/Miguel Angel Flores
In Deutschland sind in diesem Sommer bis zum 23. August etwa 16.300 Menschen aufgrund von Hitze gestorben. Das geht aus dem Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität hervor, den das Robert-Koch-Institut (RKI) veröffentlicht. Von diesen Todesfällen traten etwa 9600 in der besonders heißen Kalenderwoche 26 Ende Juni auf und etwa 4500 in den Kalenderwochen 31 bis 33, also Ende Juli bis Mitte August. Betroffen sind dem Bericht zufolge vor allem Menschen ab 75 Jahren und insgesamt mehr Frauen als Männer.
Solche Hitzewellen werden in Deutschland und in Europa durch den Klimawandel noch häufiger werden – und auch mehr Todesfälle verursachen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie eines spanisch-schweizerischen Forschungsteams, die jetzt im Fachjournal »Nature Health« erschienen ist. Die Gruppe um Thessa M. Beck von der Universität Pompeu Fabra in Barcelona untersuchte mit einer neuartigen Methode, wie der menschengemachte Klimawandel die Wahrscheinlichkeit von hitzebedingten Todesfällen in 34 europäischen Ländern verändert hat. Dabei lag ein Fokus auf dem bisherigen Rekordsommer 2022.
Die Forschenden stellen fest, dass in Südeuropa Hitzeereignisse mit erhöhter Sterblichkeit wie im Jahr 2022 im Durchschnitt 26,5-mal wahrscheinlicher sind als im vorindustriellen Referenzzeitraum. »Die Wahrscheinlichkeit solcher Ereignisse steigt mit zunehmender globaler Erwärmung weiter an, wobei die stärksten, nicht linearen Anstiege in Südeuropa zu verzeichnen sind«, heißt es in der Publikation. Europa ist vom Klimawandel besonders betroffen – hier steigen die Temperaturen doppelt so schnell wie im globalen Durchschnitt.
Die Analyse deckte erhebliche regionale Unterschiede in Bezug auf die Klimavulnerabilität der Bevölkerung auf, etwa zwischen Deutschland und dem Nachbarland Polen. So ist in Deutschland die hitzebedingte Sterblichkeit trotz ähnlicher Temperaturen deutlich höher als in Polen. Das zeige, wie wichtig es ist, bevölkerungsspezifisch zu analysieren, um wirksame Anpassungsstrategien zu entwickeln, schreiben die Autoren.
Die Studie ergab außerdem, dass Regionen wie Mitteleuropa, die bisher als weniger gefährdet galten, aufgrund des Klimawandels einen erheblichen Anstieg des Risikos für hitzebedingte Todesfälle verzeichnen. Hier sollten die Planung von Anpassungen und die Maßnahmen zur Hitzeprophylaxe beschleunigt werden.
Wie diese Hitzeschutzmaßnahmen aussehen sollten, darüber informierten Experten beim Science Media Center Deutschland: »Kurzfristig helfen vor allem einfache Dinge«, erklärt Dr. Andreas Matzarakis, der eine Professur für Umweltmeteorologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg innehat. Bei Hitzewarnungen, sollten Wohnungen und vor allem Pflegeeinrichtungen nachts konsequent gelüftet und gekühlt, tagsüber verschattet und kühle öffentliche Orte angeboten werden, an die sich besonders ältere Menschen zurückziehen können. »Langfristig führt kein Weg an mehr Grün und Schatten in den Städten sowie weniger versiegelten Flächen vorbei, denn das sind die wirksamsten Mittel gegen die nächtliche Überwärmung, die für die Gesundheit besonders kritisch ist.«
Laut Professor Dr. Alexandra Schneider, Leiterin der Forschungsgruppe Umweltrisiken am Helmholtz Zentrum München, bestehen noch Lücken beim Klimaschutz bei »alleinlebenden Hochbetagten, Pflegebedürftigen zu Hause, Menschen mit Demenz, sozial isolierten Personen, Wohnungslosen, Menschen mit geringen Deutschkenntnissen und Personen ohne Zugang zu klimatisierten Räumen«. Zu den sinnvollen Akutmaßnahmen zählt sie die aktive telefonische oder persönliche Kontaktaufnahme bei Warnstufen, verpflichtende Hitzeschutzpläne in Pflegeeinrichtungen sowie die Anpassung hitzesensibler Medikation. Außerdem sollten lokale Kühlzentren eingerichtet und die Trinkwasserversorgung im öffentlichen Raum ausgebaut werden.
Eine gewisse Adaptation an Hitze sei in der Bevölkerung schon zu erkennen, sagt die Expertin in Bezug auf RKI-Daten: »Die Bevölkerung scheint gegenüber moderater Hitze heute weniger empfindlich zu sein als noch in den 1990er-Jahren.« Gründe hierfür könnten eine bessere medizinische Versorgung, die bessere Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, eine erhöhte Aufmerksamkeit für Hitzerisiken, mehr Hitzewarnungen und bessere Wohn- und Arbeitsbedingungen sein. Die Anpassung habe aber Grenzen: »Gegen 28 bis 32 °C hat die Gesellschaft teilweise gelernt, sich zu schützen beziehungsweise sich daran anzupassen, aber gegen mehrtägige Episoden mit Temperaturen nahe 40 °C und tropischen Nächten besteht weiterhin eine erhebliche Anfälligkeit«, sagt Schneider.
Hitzeschutzmaßnahmen seien zwar hilfreich, fügt Dr. Wolfgang Straff an, Leiter des Fachgebiets Umweltmedizin und gesundheitliche Bewertung beim Umweltbundesamt in Dessau-Roßlau. »Sie können aber dauerhaft keinen umfassenden Schutz bieten, wenn die Hitzeextremsituationen immer weiter zunehmen werden.« Die wichtigste Maßnahme sei daher, die fortschreitende Klimaerwärmung zu begrenzen. Denn: »Nahezu alle heute noch lebenden Menschen und zukünftige Generationen werden spätestens im Alter zu den besonders gefährdeten Risikogruppen gehören.«