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Reisedokumentation
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Deutsche Apotheker in Amerika 1928

Das Deutsche Apothekenmuseum in Heidelberg hat ein Konvolut von Filmaufnahmen, Aufzeichnungen, Broschüren und Fotografien erhalten, die eine mehrwöchige Studienreise deutscher Apotheker in die USA im Mai und Juni 1928 dokumentieren.
AutorKontaktClaudia Sachße
Datum 27.12.2023  11:00 Uhr

»5000 Kilometer Hetzjagd«

Vor und während der Rundreise erschienen zahlreiche Berichte in der Apotheker-Zeitung sowie in der amerikanischen Fach- und Tagespresse. Es bestand Korrespondenz unter anderem mit Hugo Kantrowitz, Leiter der Europareisen deutsch-amerikanischer Apotheker und Schriftleiter der New Yorker Apotheker-Zeitung. 1925 hatten amerikanische Apotheker bereits Europa und Deutschland besucht (AZ 1928, 158), sodass hier reges Interesse an einem Kontakt bestand.

Die Gruppe wurde mit einem dicht gepackten Programm und zahlreichen Veranstaltungen empfangen, organisiert von Fachgesellschaften, Betrieben und Vereinen. Die Seereise, Besichtigungen der Großstädte und fachlichen Einrichtungen sowie Naturziele hinterließen bei den Teilnehmern nachhaltigen Eindruck: »Es ist schwer zu sagen, was auf den Teilnehmer an der Studienfahrt …, der in knapp 3½ Wochen rund 5000Kilometer … zurückgelegt hat, den größten Eindruck gemacht hat, der auf dieser Hetzjagd New York, Philadelphia, Washington, Cincinati, St.Louis, Chikago, Milwaukee, Detroit, Niagara-Fälle, Boston und wieder New York besucht hat und der fast jeden Tag ein bis zwei Festessen und ebenso viel Empfänge zu überstehen hatte« (Inv.-Nr. VII A 2315, 5).

Ziel der Reise war zum einen, das System des amerikanischen Apothekenwesens kennenzulernen. Dazu gehörten Apotheken mit reinem Rezepturgeschäft, die eigentlichen »Drugstores« mit breiterem Sortiment sowie die Filialen der damals bereits gängigen »Chain-Drugstores«, die nur selten Rezepturen anfertigten.

Auch die Arbeitsweise und Ausbildung der amerikanischen Apotheker wurden vermittelt. Hervorgehoben wurde die – im starken Kontrast zum damaligen deutschen Konzessionssystem stehende – absolute Niederlassungsfreiheit innerhalb eines Bundesstaates sowie das Fehlen von Krankenkassen und Arzneitaxen. Die Gesetzgebung der Prohibition verlagerte zudem den Verkauf von Alkoholerzeugnissen in die Apotheken – unter strenger Reglementierung. Auch die Besichtigung von Universitäten war wesentlicher Teil der Reise.

Zudem standen zahlreiche pharmazeutische und andere Betriebe auf dem Programm:

  • in New York das chemische Institut der Columbia University, das neu errichtete Medical Centre und die Chemischen Werke von Lehn & Fink in Bloomfield;
  • in Philadelphia das College of Pharmacy and Science, die biologischen Anstalten der H.K.Mulford Vaccine Laboratories in Glenolden – die größte Einrichtung der USA zur Antitoxin-Produktion mit großen Stallungen zur Gewinnung tierischer Blutsera gegen Tetanus, Diphtherie und Schlangenbisse sowie Pockenvakzine;
  • in Cincinnati die Fabrik pharmazeutischer Spezialitäten von William Merrel Co., die mit 60.000 Bänden weltweit größte pharmazeutische Bibliothek von Professor Lloyd, die Seifenfabrik von Procter & Gamble, die Mallinckrodt Chemical Works mit der Herstellung von Chemikalien wie Morphium und Pyrogallo, das College of Pharmacy sowie die Pharmazeutische Großhandlung Meyer Brothers Drug Store Co.;
  • in St. Louis eine der landesweit größten Schlachtereien (Swift & Co.);
  • in Chicago die Konservenfabrik von Libby, McNeill and Libby und
  • in Detroit die Henry-Ford-Werke sowie die Chemischen Werke von Parke, Davis & Co., wo es nochmals um die Gewinnung von Sera aus dem Blut von Pferden ging.

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