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Zu viel Stress

Der lange Weg zu Schlaganfall und Demenz

Ein Schlaganfall scheint aus heiterem Himmel zu kommen und eine Demenz setzt für manche auch scheinbar unvermittelt ein. Dieser Eindruck von Betroffenen täuscht, denn die beiden Erkrankungen haben einen langen Vorlauf – bei dem Stress eine wichtige Rolle spielt.
Christina Hohmann-Jeddi
30.11.2020  12:00 Uhr

Schon Jahre, bevor sich ein Schlaganfall oder eine Demenz manifestieren, sind Hirnatrophien und andere Organschäden in der Bildgebung zu erkennen. Das berichtete Professor Dr. Arno Villringer, Leiter des Bereichs Neurologie am Max-Planck-Institut für Kognitionsforschung in Leipzig beim Heidelberger Herbstkongress der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg am 22. November. An der Pathologie ist Stress auf mehreren Ebenen beteiligt: Erstens bei der Entstehung der Risikofaktoren wie Adipositas und Bluthochdruck, zweitens direkt bei der Entstehung von Hirnschäden und drittens bei der Manifestation der Erkrankung selbst.

Stress aktiviert im Körper zwei sogenannte Stressachsen: Zum einen regt der Hypothalamus über die Hypophyse die Nebennierenrinde zur Cortisol-Bildung an, zum anderen stimuliert der Hypothalamus über den Sympathikus das Nebennierenmark zur Adrenalin-Freisetzung. Cortisol dient der Bereitstellung von Energie und Adrenalin erhöht unter anderem die Herzfrequenz.

Wie entsteht nun der Risikofaktor Hypertonie? Hier sind psychosoziale Faktoren wichtig und wie stark man auf psychologischen Stress reagiert, berichtete Villringer. Im Großhirn spielen hier die Amygdala, die Insel und das anteriore Cingulum eine wichtige Rolle. Zudem ist die Sympathikus-Achse beteiligt. In traditionellen Kulturen war der Bluthochdruck unbekannt, er gilt somit als eine typische Zivilisationserscheinung. Durch Stress steigt auf Dauer der Blutdruck. »Was ist der Nutzen davon?«, fragte Villringer. Bei höherem Blutdruck werden Studien zufolge der Stress, aber auch Schmerzen weniger wahrgenommen und die Kognition verbessert sich – zumindest kurzfristig. In einer deutschen Studie hatten Jugendliche mit erhöhtem Blutdruck im Schnitt sogar eine bessere Lebensqualität. Das Aber kommt später.

Auch in der Entstehung des Risikofaktors Adipositas spielt Stress eine zentrale Rolle und zwar über die Hypophysen-Achse. Auch wenn Stress bei manchen zunächst den Appetit mindert: Auf Dauer führt er zu einer erhöhten Nahrungszufuhr, berichtete der Neurologe. Neben Adipositas und Hypertonie ist Stress zudem an der Entstehung der Risikofaktoren Rauchen und indirekt Diabetes beteiligt.

Für die zweite Ebene gilt: Hypertonie wirkt sich auch direkt auf das Gehirn aus. Sie führt zu Marklagerläsionen (Schäden der weißen Substanz) und Mikroinfarkten. »Mikroinfarkte werden häufig nicht bemerkt, in der Summe wirken sie sich aber auf die Kognition aus«, sagte Villringer. Bei älteren Menschen ab etwa 65 Jahren treten diese Schäden häufig auf, sodass sie zunächst für eine Alterserscheinung gehalten wurden. Sie gehen aber auf die Hypertonie zurück, berichtete der Neurologe. Seine Arbeitsgruppe konnte zeigen, dass ein leicht erhöhter Blutdruck bei jungen Erwachsenen, der noch keine Hypertonie darstellt, schon mit einem Rückgang des Volumens der grauen Substanz assoziiert war

»Von Hypertonie ist somit bekannt, dass sie bei älteren und jüngeren Menschen zu kognitiven Defiziten führt.« Das gleiche gelte für Adipositas, von der auch belegt sei, dass sie schon bei Jüngeren zur Hirnatrophie führt. Marklagerläsionen würden durch die chronische Inflammation induziert. Stress unterstütze über die Cortisol-Erhöhung die schädlichen Prozesse Arteriosklerose und chronische Inflammation noch, berichtet Villringer.

Schließlich kann auch die eigentliche Manifestation der Erkrankung durch Stress ausgelöst werden, was zum Beispiel an dem überproportional häufigen Auftreten von Schlaganfällen bei wichtigen Spielen der Fußballnationalmannschaft zu sehen ist. Dies ist beim Schlaganfall offensichtlicher als bei der Demenz. Villringers Fazit: »Beide Erkrankungen sind Folgen einer langfristigen Entwicklung, in der Stress eine zentrale Rolle spielt.«

Was ist zu tun? Die Antwort sei trivial, aber auch noch nicht von allen akzeptiert. Eine frühe Sensibilisierung für diese Themen und eine Gesundheitserziehung schon in der Schule sind seiner Ansicht nach dringend notwendig. In der Stressprävention könnten Verfahren wie Autogenes Training, Achtsamkeitsverfahren oder Biofeedback eingesetzt werden. Villringer zufolge lasse sich »zu viel Stress« auch auf Gesellschaftsebene erkennen – nämlich am Prozentsatz der Personen mit Adipositas, Typ-2-Diabetes und Hypertonie in der Bevölkerung.

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