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Samenanalyse
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Das Spermiogramm als Marker für Gesundheit

Männer mit schlechter Spermienqualität haben eine deutlich kürzere Lebenserwartung als Männer mit guter Spermienqualität. Es gibt daher Bestrebungen, die Samenanalyse als Frühwarnsystem für zugrunde liegende Erkrankungen zu nutzen. Doch nicht alle Experten unterstützen diesen Vorschlag.
AutorKontaktAnnette Rößler
Datum 17.04.2026  13:00 Uhr

Eine Samenanalyse wird üblicherweise nur dann durchgeführt, wenn ein Paar wegen eines unerfüllten Kinderwunsches reproduktionsmedizinische Hilfe in Anspruch nehmen möchte. Ist eine Frau nach einem Jahr ungeschütztem regelmäßigem Geschlechtsverkehr (beziehungsweise nach sechs Monaten, wenn sie älter ist als 35 Jahre) nicht schwanger geworden, kommt eine Kinderwunschbehandlung in Betracht. Der nächste Schritt ist dann, zu klären, ob die wahrscheinliche Ursache aufseiten des Mannes oder aufseiten der Frau liegt.

Bei der Samenanalyse werden verschiedene Parameter bestimmt, etwa das Volumen des Ejakulats, die Spermienkonzentration sowie der Anteil an beweglichen und morphologisch normalen Spermien. Daraus lassen sich dann die Spermatozoenanzahl (Total Sperm Count, TSC) und die Gesamtzahl beweglicher Spermien (Total motile sperm count, TMSC) berechnen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat ein Handbuch zur Samenanalyse herausgegeben (6. Auflage, 2021) und nennt darin unter anderem folgende Referenzwerte:

  • Volumen: 1,4 ml,
  • TSC: 39 Millionen,
  • Motilität: 40 Prozent progressiv beweglich,
  • Morphologie: 4 Prozent normale Form.

Gute beziehungsweise der Norm entsprechende Werte in allen diesen Kategorien garantieren einem Mann jedoch nicht die Zeugungsfähigkeit. Umgekehrt können auch Männer mit unterdurchschnittlicher Spermienqualität Väter werden. Wird jedoch bei unerfülltem Kinderwunsch eine Abweichung in einer wichtigen Kategorie des Spermiogramms entdeckt, können Methoden der künstlichen Befruchtung wie die intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) zum Einsatz kommen.

Zeugungsfähigkeit ist nicht alles

Tritt in der Folge die erhoffte Schwangerschaft ein, wird meist nicht weiter nach den Ursachen für die schlechte Spermienqualität gesucht. Dies sei jedoch ein Fehler, schreibt eine Gruppe von Experten um den Reproduktionsmediziner Dr. Omar F. Ammar in einem Anfang 2026 erschienenen Artikel im Fachjournal »Human Reproduction«. Statt wie bislang ausschließlich unter dem Aspekt der Zeugungsfähigkeit betrachtet zu werden, solle die Samenqualität vielmehr als Biomarker für das Altern des Mannes beziehungsweise allgemein als Biomaker für männliche Gesundheit genutzt werden.

Die Grundlage des Beitrags ist eine Publikation aus dem Jahr 2025, die ebenfalls in »Human Reproduction« erschienen war. Eine Gruppe um Dr. Lærke Priskorn vom Rigshospitalet in Kopenhagen, Dänemark, hatte darin über die Ergebnisse einer Beobachtungsstudie mit 78.284 Männern berichtet. Bei den Probanden handelte es sich um Männer, bei denen aufgrund eines unerfüllten Kinderwunsches eine Samenanalyse erfolgt war. Über einen Zeitraum von bis zu 50 Jahren (median 23 Jahre) wurde anschließend die Gesamtmortalität der Teilnehmer erfasst und mit den ursprünglich ermittelten Werten im Spermiogramm in Beziehung gesetzt.

Es stellte sich heraus, dass eine schlechte Samenqualität mit einer signifikant kürzeren Lebenserwartung einherging. So wurden Männer mit einer TSC von mehr als 120 Millionen durchschnittlich 80,3 Jahre alt, während Männer mit einer TSC von >0 bis 5 Millionen durchschnittlich nur 77,6 Jahre alt wurden. Auch in den weiteren Kategorien des Spermiogramms gingen schlechtere Werte mit einer verkürzten Lebenserwartung einer. Eine Subgruppenanalyse mit 59.657 Teilnehmern, in die der höchste Bildungsabschluss als grober Parameter für den sozioökonomischen Status und das Gesundheitsverhalten einbezogen wurde, änderte an den Ergebnissen nichts.

»Frühwarnsystem« oder übertriebene Diagnostik?

Die Gruppe um Ammar nennt drei mögliche Mechanismen, die hinter diesem Zusammenhang stecken könnten: genetische Faktoren, eine Dysregulation des Immunsystems und oxidativer Stress. Alle drei könnten sowohl chronische, lebensverkürzende Erkrankungen verursachen als auch die Samenqualität senken. So hätten frühere Studien gezeigt, dass bei Männern mit niedriger TSC ein erhöhtes Risiko für koronare Herzerkrankung (KHK), Krebs, Diabetes sowie unter anderem Bluthochdruck besteht.

Eine Samenanalyse in jungen Jahren könne daher ein erhöhtes Risiko für solche Erkrankungen anzeigen, bevor diese sich manifestieren. Es sei denkbar, die Samenanalyse als eine Art Screeningmethode für die männliche Gesundheit zu nutzen. In diesem Fall müsse sie für diesen neuen Kontext allerdings standardisiert werden.

In einem Artikel auf der Nachrichtenseite »STAT« kommen weitere Experten zu Wort – manche als Befürworter, manche als Gegner dieser Herangehensweise. Für Männer gebe es keine Entsprechung der gynäkologischen Vorsorgeuntersuchungen, weshalb junge Männer viel seltener einen Arzt sähen als junge Frauen – eine Samenanalyse könne daher als eine Art gesundheitliches Frühwarnsystem genutzt werden, lautet ein Pro-Argument.

Es sei allerdings noch völlig unklar, worin genau der Mehrwert für den einzelnen Mann bestehen könnte, so die Kontra-Seite. Generell sei es überaus schwierig, einen konkreten Nutzen für eine Screeningmethode nachzuweisen. Das gelte in diesem Fall, in dem noch so vieles ungeklärt sei, erst recht.

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