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Mensch als Metaorganismus

Das Mikrobiom bestimmt unser Selbst

Der Mensch beherbergt mehr Mikroben, als er eigene Körperzellen hat, und wird stark von diesem Mikrobiom beeinflusst. Er muss daher immer als eine Lebensgemeinschaft – als ein Metaorganismus – angesehen werden, machte Professor Dr. Thomas Bosch auf dem Fortbildungskongress Pharmacon in Schladming deutlich.
Christina Hohmann-Jeddi
20.01.2020
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»Alle höheren Organismen wie Pflanzen, Tiere und damit auch der Mensch sind auf einem mikrobiellen Biofilm entstanden, der schon lange vor ihnen existierte«, sagte der Evolutionsbiologe von der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Sie haben sich in einer Koevolution mit den Mikroben entwickelt. Es verwundert daher nicht, dass alle Oberflächen wie Haut und Schleimhäute, die der Mensch besitzt, und auch einige Organe mit einer Unzahl von Bakterien, Viren und Pilzen besiedelt sind. Deren Gesamtheit wird als Mikrobiota bezeichnet, die Gesamtheit der Gene als Mikrobiom – wobei die beiden Begriffe oft synonym verwendet werden. »Wir brauchen das Mikrobiom wie unsere eigenen Organe«, sagte Bosch. »Wenn es fehlt, werden wir krank.«

Man beginne erst jetzt, die vielen Funktionen zu verstehen, die das Mikrobiom erfüllt. Es interagiert mit dem Immunsystem und kommuniziert auch mit dem zentralen Nervensystem. So helfe es zum Beispiel auch, Pathogene zu verdrängen, was unter anderem daran zu erkennen sei, dass Mundsoor entsteht, wenn lokale Antibiotika im Mund angewendet werden. Außerdem schützt eine gesunde Hautflora zum Beispiel vor Infektionen mit Haemophilus ducreyi, dem Erreger der Geschlechtskrankheit Ulcus molle (weicher Schanker). In Tieruntersuchungen habe man jetzt auch gezeigt, dass ein natürliches Mikrobiom vor der Entstehung von Tumoren schützen kann, berichtete der Biologe. Bei allen Erkrankungen müsse man metaorganistisch denken und das Mikrobiom miteinbeziehen, forderte er.

Das gelte auch für die sogenannten nicht übertragbaren Erkrankungen. Zu diesen gehören etwa chronisch-entzündliche, neurodegenerative, stoffwechselbedingte und Autoimmunerkrankungen. Diese haben in den vergangenen 50 Jahren deutlich zugenommen. Beispiele hierfür sind Diabetes, Adipositas und Allergien. Eine wichtige Ursache für diese Zunahme sehen Bosch und andere Forscher auch in Störungen des Mikrobioms. Die Artenvielfalt der Mikroben nimmt in der industrialisierten Welt durch verschiedene Faktoren ab. »Die Koevolution ist in Gefahr«, sagte Bosch, »vor allem durch den Einsatz von Antibiotika.«

Dabei könnten Störungen des Mikrobioms nicht nur durch ungünstige Lebensverhältnisse entstehen, sondern bei Lebensgemeinschaften auch von Mensch zu Mensch übertragen werden. Diese Hypothese stellt Bosch zusammen mit seinem Kollegen Dr. Brett Finlay in der aktuellen Ausgabe des Fachjournals »Science« auf (DOI: 10.1126/science.aaz3834). Damit hätte zumindest ein Teil der nicht übertragbaren Erkrankungen eine übertragbare Komponente.

Die Begründung: In Tierversuchen lassen sich durch Transplantation von ungünstigen Darmmikrobiota auf andere Tiere in diesen Krankheiten induzieren. Auch beim Menschen ist eine solche Übertragung mittels Transplantation möglich und wird bereits als fäkale Mikrobiota-Transplantation genutzt - allerdings zu therapeutischen Zwecken.

Ein Hinweis darauf, dass Mikroben bei engem Kontakt ausgetauscht werden können, ist, dass Ehepartner und Menschen, die eine Wohnung teilen, ähnlichere Mikrobiome haben, als Geschwister, die nicht zusammenleben. Übertragene schädliche Bakterien könnten zu Störungen der Darmmikrobiota beim Mitbewohner führen und bei diesem Krankheiten verursachen, so die Hypothese. So haben Ehepartner von Patienten mit Typ-2-Diabetes innerhalb des ersten Jahres nach Diagnosestellung ebenfalls ein erhöhtes Risiko, Diabetes zu entwickeln, heißt es in der Publikation. Ob sich diese Zusammenhänge aber auf die Übertragung von Mikroorganismen zurückführen lassen oder auf die gemeinsamen Lebensgewohnheiten, die Paare haben, gilt es noch zu belegen. Bosch ist aber von der Bedeutung des Mikrobioms für die Gesundheit des Menschen überzeugt: »Wir müssen den Mensch als Teil eines multiorganischen Netzwerks verstehen.«

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