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Arzneimittel durch die Sonde

Das gilt es zu beachten

Bei der Gabe von Arzneimitteln über eine Ernährungssonde gilt es, unerwünschte Ereignisse wie eine Zerstörung der Wirkstoffe, Fehldosierungen oder Ausfällungen zu vermeiden. Das Apothekenteam berät, welche Tabletten sich nicht für die Applikation über die Sonde eignen, was bei Kapseln zu beachten ist und welche Alternativen es gibt.
Nicole Schuster
16.08.2019  09:50 Uhr
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Schluckstörungen, Tumore im Kopf-Hals-Bereich oder ein Schlaganfall sind Beispiele für Indikationen, die das Legen einer Ernährungssonde erforderlich machen können. Betroffene können prinzipiell auch Medikamente über ihre Sonde bekommen. »Ob die Anwendung im Einzelfall möglich ist, hängt vom Wirkstoff und der Arzneiform sowie von der Art der Sonde und ihrer Lage ab«, sagte Apothekerin Dr. Pamela Reißner von der Landesapothekerkammer Hessen der PZ.

Vorab zu klären ist, ob die Sonde bis in den Magen oder bis in den Darm reicht. Dies ist wichtig, da der pH-Wert im Magen zwischen 1 und 3 liegt, im Darm aber je nach Darmabschnitt bei 5 bis 8. Abhängig vom pH-Wert kann die Stabilität des Wirkstoffs gefährdet sein. Auch die Beschaffenheit der Sonde beeinflusst, ob eine Gabe von Peroralia problemlos möglich ist. »Bei sehr kleinen Sondenlumina, wie sie vor allem für Kinder verwendet werden, besteht verstärkt die Gefahr, dass die Sonden verstopfen«, so Reißner.

Vor jedem Zerkleinern, Mörsern oder Auflösen einer festen oralen Arzneiform ist zu prüfen, ob diese dafür überhaupt geeignet ist. Grundsätzlich ist jedes Arzneimittel erst unmittelbar vor der Verabreichung sondengerecht vorzubereiten. Das verhindert zum einen, dass sich durch den Einfluss von Licht, Luftsauerstoff oder Feuchtigkeit der Wirkstoff verändert, und senkt zum anderen das Risiko einer Verwechslung.

Schnell zerfallende Tabletten können in einer geeigneten Flüssigkeit aufgelöst werden, etwa in Wasser für Injektionszwecke, stillem Mineralwasser aus einer frisch geöffneten Flasche oder physiologischer Kochsalzlösung. Eine saure Flüssigkeit wie Apfelsaft ist hingegen zu bevorzugen, wenn für das Zerfallen ein saures Milieu erforderlich ist.

Eine manuelle Zerkleinerung von Tabletten kann am besten mit Mörser und Pistill oder speziell dafür vorgesehenen Tablettenmörsern erfolgen. Empfehlenswert ist, die Poren des Mörsers zunächst durch Verreiben eines indifferenten Stoffs wie Milchzucker zu versiegeln, um zu verhindern, dass sich Wirkstoff in der Mörserinnenwand absetzt. Nach dem Mörsern sollte das erhaltene Pulver in etwa 15 ml Wasser gelöst, mit einer Spritze aufgenommen und durch die Sonde verabreicht werden. Vor dem Zerkleinern des nächsten Medikaments ist der Mörser gründlich zu reinigen.

Retardtabletten nicht zermörsern

Probleme bei der Gabe durch eine Sonde bereiten Tabletten mit besonderen Freigabeeigenschaften wie Retardtabletten. Werden retardierte Tabletten gemörsert, kann die Wirkung zu früh oder zu stark einsetzen und zu schnell wieder nachlassen. In manchen Fällen können Arzt und Apotheker zusammen überlegen, ob über einen längeren Zeitraum eine unretardierte Arzneiform des gleichen Wirkstoffs in kleineren Teildosierungen infrage kommt oder ob die Umstellung auf eine alternative Arzneiform möglich ist. Dabei ist meistens eine Dosis­anpassung erforderlich.

Bei magensaftresistent überzogenen Tabletten ist zu beachten, wo die Sonde endet. Im sauren Magenmilieu würden säureempfindliche Arzneistoffe, zum Beispiel Protonenpumpenhemmer, zersetzt werden. Endet die Sonde hingegen im Darm oder werden geeignete Arzneiformen appliziert, etwa ein MUPS® (Multiple Unit Pellet System), bei denen die Arzneiform aus einer Vielzahl von Pellets oder Mini-Tabletten besteht, die jeweils mit einem magensaftresistenten Überzug versehen sind, ist die Gabe durch die Sonde möglich. Ist hingegen der Grund für den Überzug, dass der Wirkstoff stark schleimhautreizend ist, drohen auch bei einer Gabe über eine im Darm endende Sonde lokale Nebenwirkungen an der Schleimhaut.

Kapseln grundsätzlich geeignet

Auch Kapseln eignen sich grundsätzlich zur Applikation über die Ernährungssonde. Bei Weichgelatinekapseln ist die Gabe aber zeitaufwendig schwierig: Sie können mit einer Spritze angestochen und der ölige oder pastöse Inhalt aufgezogen werden. Dabei ist darauf zu achten, dass der Inhalt möglichst vollständig entnommen wird. Eine andere Möglichkeit besteht darin, Weichgelatinekapseln in warmem Wasser aufzulösen.

Bei Hartgelatinekapseln sind die beiden aufeinander gesteckten Komponenten vorsichtig auseinanderzuziehen und der Inhalt, gegebenenfalls nach Lösen oder Suspendieren in Flüssigkeit, zu verabreichen. Vorab ist sicherzustellen, dass die Kapsel nicht magensaftresistent überzogen ist und auch kein System zur modifizierten Wirkstofffreigabe darstellt. Sind Pellets in der Kapsel enthalten, werden diese meistens nicht gemörsert, sondern suspendiert.

Gibt es oral einzunehmende Arzneimittel auch in Form von Lösungen, Tropfen oder Säften, sind diese in der Regel zu bevorzugen, da die Verabreichung über die Sonde meistens einfacher ist. Sirupe und Säfte müssen allerdings zuvor verdünnt werden, wenn ihr pH-Wert stark vom physiologischen pH-Wert vor Ort abweicht, um Reizungen zu vermeiden. Werden Bolusgaben von Flüssigkeiten mit einer Osmolarität von mehr als 1000 mosmol/l gegeben, können Beschwerden wie Unwohlsein, Übelkeit und Erbrechen die Folge sein. Bei einer hohen Viskosität wiederum droht ein Verkleben der Sonde.

Sorbit, das in vielen dieser Präparate als Süßungsmittel enthalten ist, kann bei Patienten Bauchschmerzen und Durchfälle verursachen. Auf eine ausreichende Flüssigkeitsmenge ist auch zu achten, wenn Brausetabletten und Brausegranulate vor der Anwendung aufgelöst werden, da eine Verabreichung in konzentrierter Form zu Reizungen der Schleimhäute führen kann.

»Stehen Lösungen zur parenteralen Verabreichung zur Verfügung, können diese unter bestimmten Umständen auch per Sonde gegeben werden«, sagt Reißner. Voraussetzung ist unter anderem, dass der Wirkstoff im Magen-Darm-Trakt überhaupt resorbierbar ist und nicht die Schleimhaut reizt. Bei Wirkstoffen mit hohem First-Pass-Effekt ist zu prüfen, ob die intravenös zu verabreichende Dosis für eine orale Gabe ausreicht. Parenteralia sind allerdings in der Regel um einiges teurer als Peroralia mit dem gleichen Wirkstoff.

Es kann vorkommen, dass sich keine geeigneten Medikamente für die Gabe über die Sonde ausmachen lassen. Der Apotheker kann dann zusammen mit dem Arzt prüfen, ob ein Umstieg auf Präparate für die sublinguale, nasale, transdermale, inhalative, rektale oder intravenöse Verabreichung möglich ist.

Zwischendurch spülen

Grundsätzlich ist auf eine angemessene Flüssigkeitsgabe während der Arzneimittelapplikation zu achten. Jedes Arzneimittel soll separat verabreicht werden und zwischen den Gaben ist die Sonde mit einigen ml Flüssigkeit zu spülen. Nach der letzten Medikamenten­gabe sollte die Sonde mit mindestens 30 ml Flüssigkeit nachgespült werden. Medikamente sollten nicht zusammen mit der Sondennahrung verabreichen werden. Bioverfügbarkeit und Wirksamkeit des Arzneistoffs können sich sonst bei einigen Medikamenten verändern, zudem kann die Sonde verstopfen.

In diesem Fall können Angehörige oder Pflegekräfte zunächst versuchen, die Verstopfung mit sauren oder alkalischen Lösungen aufzulösen, so Reißner. »Das Lösungsmittel ist dabei in Abhängigkeit von der Ursache der Verstopfung zu wählen.« Beispiele für mögliche geeignete Flüssigkeiten sind Cola oder Pepsinwein. Der Versuch, die Verstopfung mit Druck zu lösen, sollte hingegen unterbleiben, um die Sonde nicht zu beschädigen.

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